Lichtblicke

An dieser Stelle finden Sie immer wieder Gedanken zu Gott, biblischen Texten und zur aktuellen Situation. Mal nachdenklich, mal praktisch und hoffentlich auch immer wieder ermutigend. Es grüßt Sie Susanne Öhlmann.

14. Oktober 2020 – Politisch beten

Gestern saß ich an der Vorbereitung des Gottesdienstes für kommenden Sonntag. Die Predigt ist fertig und ich schreibe Fürbittgebete. Das machen wir in jedem Gottesdienst, wir beten für Menschen, die uns wichtig sind, oft auch Menschen, die benachteiligt sind und legen sie Gott ans Herz. Eigentlich eine gute Sache, finde ich.
Aber nicht gestern. Da habe ich nämlich zwischendurch Zeitung gelesen: das Welternährungsprogramm der UN hat recht unerwartet den Friedensnobelpreis bekommen. „Im Jahr 2019 leistete die Organisation humanitäre Hilfe für fast 100 Millionen Opfer von Hunger und Nahrungsmittelunsicherheit in 88 Ländern“, lese ich da. Kriege und auch Corona haben gleichzeitig für einen krassen Anstieg der Zahl hungernder Menschen gesorgt. Ein Foto einer Mutter aus dem Jemen prangt oben auf der Seite mit einem klapperdürren Kind.
Und ich möchte meine schön formulierten Gebete am liebsten Gott an den Kopf werfen. Solche Berichte und Bilder machen mich so wütend und hilflos zugleich. Menschen verhungern, Kinder wachsen inmitten von Krieg auf. Ich will nicht nur beten, ich will was tun und will, dass sich das ändert! Man Gott, ich denke, du willst das Heil der Welt, warum tust du nichts dagegen?
„Entschuldige mal“, sagt Gott da, „aber warum bin ich denn jetzt plötzlich zuständig? Anleitungen für einen guten Umgang miteinander habe ich euch ja nun wirklich genug zukommen lassen. Warum tut ihr Menschen nichts dagegen? Wieso haltet ihr eine Wirtschaftsordnung am Laufen, die nicht für alle Menschen gleiche Chancen bietet? Wieso bekämpft ihr den Hunger mit einer Organisation, die auf freiwilligen Beiträgen beruht? Und ist das mehr als eine Linderung der Symptome?“
Magische Wunscherfüllung ist aller Erfahrung nach wohl leider nicht drin. Aber wozu dann beten? Dorothee Sölle, eine ganz tolle Theologin, hat einmal geschrieben, dass wir ein „politisches Gebet“ brauchen, weil ein Gebet ohne gesellschaftliche Konsequenzen Heuchelei sei.
Vielleicht ist es das: ich kann mich nicht aus der Affäre ziehen und Gott Vorschläge machen, wie er meine guten Ideen im Leben anderer Leute möglichst reibungslos durchführt. Wir alle sind selbst gefragt. Aber wir können um Hilfe bitten, dass Gott uns stärkt, damit wir es schaffen, Verantwortung zu übernehmen und nicht in Gleichgültigkeit zu versinken. Wir können uns im gemeinsamen Gebet gegenseitig stärken, unsere Ohnmacht und Trauer teilen, am Leben der Betroffenen teilhaben. Und aufrichtig danke sagen dafür, dass es Menschen gibt, die sich einsetzen für andere an den Brennpunkten der Welt.
Also doch beten. Und danach rausgehen aus der Kirche, uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gottes verstehen und die Empörung lebendig halten. Versuchen, nach Gottes Maßstäben zu leben und unseren kleinen Teil zur Gerechtigkeit beitragen.

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30. September 2020 – Ein Ball, noch ein Ball – und Gott

Meine kleine Tochter lernt gerade sprechen – eine meiner Lieblingsphasen im Leben mit Kindern. Bis jetzt kann sie ungefähr 15 Worte, eines davon ist „Ball“. Und ich hatte früher ja keine Vorstellung, wie vielseitig man dieses eine Wort einsetzen kann:

Sie sieht einen Ball: „Ball“. Sie sieht eine Murmel: „Ball“.
Steine, Eier, Flaschendeckel, übrigens auch Verkehrssschilder: „Ball“, „Ball“, „Ball“!
Alles, was kullert: „Ball“.
Immer, wenn sie etwas wirft, ob es nun Teller oder Tasse ist: „Ball!“

„Rund“, „kullern“, „werfen“ sind ganz offensichtlich die Schubladen dafür, sich zu ent-scheiden, was als Ball bezeichnet werden kann. Das ist niedlich, oft sehr witzig und für mich total faszinierend. Denn ich glaube, im Grunde ordnen auch wir Erwachsenen unbekannte Phänomene auf die gleiche Weise in unsere bekannte Begriffswelt ein. Und auf diese Weise sind wir auch zu unserer Vorstellung von Gott gekommen.

Je nachdem, wie wir aufgewachsen sind, wie wir geprägt wurden und was wir erlebt haben, können wir uns zum Beispiel nicht damit anfreunden, dass manche Gott als „Herr“ anreden. Oder umgekehrt, sind wir irritiert, wenn andere Gott als „die Ewige“ bezeichnen. Wie viele von uns haben Gott als alten Mann mit Bart auf der Wolke im Kopf, weil wir das als Kinder so gelernt und nie hinterfragt haben. Weil uns niemand die Schubladen aufgemacht hat und gesagt hat: „Guck mal, Gott kann doch auch noch ganz anders sein!“

Spannenderweise geht es den Menschen in der Bibel da ganz ähnlich: im Buch der Könige gibt es eine Geschichte, da begegnet der Prophet Elia Gott vor einer Höhle in der Wüste. Elia hat nach einer schlimmen Niederlage allen Lebensmut verloren und fleht Gott an, sich zu zeigen, damit er seinen Lebenswillen wiederfinden kann. Gott verspricht Elia also, dass er sich ihm zeigen wird. Und dann heißt es:

„Da kam ein Sturm, der an der Bergwand rüttelte, dass die Felsbrocken flogen. Aber Gott war nicht im Sturm. Als der Sturm vorüber war, kam ein starkes Erdbeben. Aber Gott war nicht im Erdbeben. Als das Beben vorüber war, kam ein loderndes Feuer. Aber Gott war nicht im Feuer. Als das Feuer vorüber war, kam ein ganz leiser Hauch. Da verhüllte Elia sein Gesicht mit dem Mantel, trat vor und stellte sich in den Eingang der Höhle.“

Gott ist ganz anders als Elia immer dachte: nicht nur stark und verzehrend und dröhnend, sondern auch zart und leise. Genau solche Aha-Effekte wünsche ich uns auch: Begegnungen, an denen wir lernen und wachsen können und die uns neue Arten ermöglichen, Gott zu erfahren, zu fühlen und zu denken: im Gespräch miteinander und im Austausch darüber, was Gott für uns ausmacht. Um die Schubladen im Kopf immer mal wieder neu zu ordnen und zu füllen.

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20. September 2020 – Gott ist mittendrin

Ich wohne direkt am Ostbahnhof. Und man kann es leider nicht anders sagen: das ist eine der hässlichsten Gegenden, die Berlin zu bieten hat. Direkt vor unserem Haus eine große mehrspurige Straße, es ist laut, es ist wahnsinnig dreckig und vermüllt. Ein raues Pflaster und mir tun oft am meisten die Obdachlosen leid, die in all dem Schmutz und Lärm auch noch auf dem Mittelstreifen zwischen den Spuren der Straße kampieren. Wir haben schon oft überlegt, dort wegzuziehen, aber irgendwie sind wir dort kleben geblieben.
Und dann ging ich neulich die Treppe hoch zum Bahnhof und mir sprang ein Bild ins Auge: auf die Stufen hatte jemand „Gott“ gesprüht. Es war eine kleine Offenbarung.

Gott ist da.

Das hatte ich fast vergessen. Und vielleicht ist das kein Zufall. Es gibt so viele schöne Kirchen in unserer Stadt, liebevoll gehegt und gehütet von den Menschen vor Ort. Dort kommen wir hin, wenn wir Gott begegnen wollen: an die Orte, die dafür vorgesehen sind. Die uns Ruhe und Atmosphäre bieten. Vielleicht auch eine Heimat der vertrauen Sprache. Aber Gott ist auch da, wo es nicht schön ist. Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Mose im Alten Testament. Mose begegnet Gott in der Wüste, nachdem er weggelaufen ist vor seiner Verantwortung. Aus einem brennenden Dornbusch heraus schickt Gott ihn zurück: Mose soll sein Volk befreien aus der Sklaverei. Mose fürchtet sich natürlich, er fragt: „Was soll ich den anderen sagen, wer mich schickt? Wie ist dein Name?“  Und Gott sagt: „Ich bin der, der da ist.“

Ich mag diesen Gottesnamen sehr. Und ich muss ihn mir immer wieder ins Gedächtnis rufen: Gott ist der, der immer dabei ist. Der mitgeht und begleitet. Gott lässt sich nicht in eine Kirche einsperren und legt sich nicht fest auf einen Ort und sei er noch so schön.
Gott ist da. Sogar in allem Schmutz und im Elend vieler Menschen am Ostbahnhof. In dem unverhüllten Leid, im Alkohol und der Wohnungslosigkeit. In dem Lächeln, das wir uns morgens manchmal hin- und herschicken. Im nachbarschaftlichen „Hallo“. In der Gemeinschaft der Menschen auf unserem Grünstreifen.
Gott erspart sich selbst das Elend nicht, sondern fühlt jede Facette menschlichen Lebens mit. Lacht mit. Liebt mit. Hofft mit. Auch in den rauen und unfertigen Gegenden unseres Lebens.

31. August 2020 – Fährt Gott auch Fahrrad?

Ich bin eine begeisterte Fahrradfahrerin. Bei Sonne oder Regen schwinge ich mich auf mein rotes Rad und düse los. Nun kennen wir ja alle den Berliner Stadtverkehr und immer mal wieder sagen mir Leute: „Ach ne, das ist mir echt zu gefährlich.“ Stimmt schon, die Berliner Straßen sind ein Kampfplatz. Deswegen versuche ich, ganz ehrlich, so umsichtig zu fahren, wie ich kann. Denn Fehler macht man ohnehin, wozu noch mehr Risiko eingehen.
Und dann stand ich gestern an einer großen Straße an einer roten Ampel. Neben mir ein Auto der eher größeren Bauart. Wir warteten auf grün. Als die Ampel schaltete, wollte ich schon los, warf aber misstrauisch noch einen kurzen Blick auf das Auto neben mir. Es wirkte, als wollte der Fahrer abbiegen, er hatte schon ein wenig nach rechts eingeschlagen, fuhr aber nicht los und blinkte auch nicht. Ganz kurz dachte ich, was ich in dem Moment immer denke: „Freundchen, der Blinker wurde auch für dich erfunden.“ Aber ich wartete – und plötzlich raste ein Linienbus direkt vor mir von links nach rechts vorbei, offenbar war er noch mal eben bei rot über die Ampel gerauscht. Hätte mich das Auto neben mir (das dann übrigens geradeaus fuhr) nicht abgelenkt mit seinem fehlenden Blinken, hätte mich der Bus über den Haufen gefahren.
Ohne groß nachzudenken, schickte ich für einen kleinen Moment ein erleichtertes „danke“ in Richtung Himmel. Hatte da gerade wer auf mich aufgepasst?

In Psalm 91 lese ich:

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

Wie ist es mit Ihnen: Sind solche Situationen einfach Zufall? Oder gibt es da einen Schutzengel, der Sie persönlich behütet? Oder ist es sogar Gott, der immer mal ein bisschen zu Hilfe eilt, wenn es nötig ist?
Ich bin mir da selbst gar nicht so sicher. Im Leben geht ja nicht immer alles glatt, aber manchmal gibt es doch diese Szenen, wo man hinterher erstaunt oder zittrig zurückbleibt und sich fragt, was da gerade passiert ist. Ich habe mir angewöhnt, dann einfach mal im Stillen ein „danke“ in die Richtung in meinem Herzen zu schicken, in der ich Gott gerade vermute. Irgendwie macht es mein Leben reicher und tiefer, wenn ich solche Szenen nicht einfach unkommentiert stehen lasse. Wenn ich Momente sammle und bewusst wahrnehme, in denen alles auch hätte anders kommen können, aber – Gott sei dank? – gut ausgegangen ist.

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20. August 2020 – „Jetzt entspann dich doch mal!“

Ich war dieses Jahr ein paar Tage länger als sonst im Urlaub. Das war toll, aber es war verrückt: ich habe noch nie so lange gebraucht, um meine innerliche Anspannung loszuwerden. Und dabei hatte ich die ganze Zeit gedacht, ich hätte gerade gar nicht so richtig Stress.
Aber im Urlaub habe ich gemerkt, wie stark ich mich selbst darauf gedrillt habe, den Alltag möglichst effizient zu regeln. Klar, bei drei Kindern und zwei arbeitenden Eltern geht es auch oft gar nicht anders und wir sind gut organisiert. Ich denke ganz oft in Schachtelsystemen: die 10 Minuten, bis die Nudeln kochen, kann ich noch nutzen, um eine Waschmaschine anzustellen. Oder kurz etwas aufzuräumen. Zeit muss genutzt werden! Und als mit Corona wochenlang alle Kinder zu Hause waren, musste die Effizienz zwangsweise noch zunehmen. Sie kennen das sicher.
Aber meine Güte, war es dann schwer, im Urlaub aus diesem Denken herauszufinden! Zwei Wochen lang machte es mich wahnsinnig, dass wir morgens so lange brauchen, um zu einem Ausflug loszukommen. Ich war immer schneller fertig und gepackt als alle anderen und habe dann ungeduldig gewartet. Ich habe durchaus gemerkt, dass ich die Stimmung nicht unbedingt verbesserte, aber ich brauchte eine ganze Weile, bis mir bewusst wurde, dass ich einfach mal aus meiner inneren Beschleunigung aussteigen musste. Aber Loslassen und die Kontrolle abgeben ist – jedenfalls für mich – nicht immer so einfach.

Jesus hat sinngemäß einmal gesagt:

„Ist das Leben nicht viel mehr als nur die Sorge um das Essen und Trinken? Seht euch die Vögel an, die am Himmel fliegen. Sie sähen nicht und sie ernten nicht und sie sammeln keine Vorräte. Aber Gott gibt ihnen trotzdem genug zu essen.“

Im Vikariat, in meiner Ausbildungsgemeinde, habe ich mal einen Jonglier-Gottesdienst mit einer Artistin zusammen gemacht, über genau den Text und das Thema: „Loslassen. Die Kontrolle abgeben.“ Wir haben alle zusammen mitten im Gottesdienst jongliert. Und niemand hatte Angst, sich zu blamieren, denn sie sagte uns: „Hab keine Angst, dass der Ball runterfällt. Wenn du eine Sache fallen lässt, kannst du eine andere auffangen.“
Mich hat dieser Gedanke tief beeindruckt. Der Urlaub hat mir wieder ins Gedächtnis gerufen: ich will versuchen, weniger festzuhalten und mich selbst einzuengen durch meine Ansprüche. Ich will mehr Leichtigkeit im Alltag, mehr „ich möchte“ und weniger „ich muss“. Weniger Effizienz und Druck. Gott mehr zutrauen, dass es schon wird. Sehr wahrscheinlich gibt es dann auch wieder ein bisschen mehr Familienchaos und weniger Perfektion. Aber das ist schon ok.
Gestern habe ich übrigens einen Satz gelesen, dem auch in diesem Sinne nichts mehr hinzuzufügen ist: „Wahrscheinlich werde ich am Ende nicht sagen: ‚Verdammt, ich habe zu wenig Staub gewischt.‘“ Ich musste lachen. Aber es stimmt, oder?

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12. August 2020 – Bunker zu Spielplätzen!

Im Urlaub war ich mit meiner Familie in der Einsamkeit Süddänemarks unterwegs. Herrlich! Kaum ein Mensch weit und breit, nur Wiesen, Felder, Heide, Kühe, Kühe, nochmals Kühe und – Bunker. Als wir an der Küste entlang durch die Heide stapften, entdeckten wir immer wieder welche der grauen Beton-Ungetüme. Halb vergessen und umgestürzt lagen sie am Strand, von Gras überwuchert, mit Heidekraut bewachsen. Manche einen Meter hoch, manche drei oder vier.
Wir haben nachgelesen: sie stammen noch aus der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. Sie waren Teil des Atlantikwalls und wurden genutzt zur Radarüberwachung der Nordsee. Doch egal, wozu sie früher genutzt wurden, die Kinder waren begeistert. Denn auf verlassene Bunker kann man klettern, sie als Ausguck nutzen, hinunterrutschen, man kann durch ihre Löcher kriechen und durch verschlossene Türen spähen. Ein einzigartiger, wilder Spielplatz. Wie ich ihnen so beim Klettern und Entdecken zuschaute, überkam mich ein Gefühl der Ehrfurcht. Ich musste an den Propheten Jesaja denken:

„Es wird sein zur letzten Zeit… Von Zion wird Weisung ausgehen und Gottes Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Diese Worte begleiten mich schon lange. Sie sind meine persönlichen Sehnsuchtsworte und meine liebsten Schätzen der Bibel. Und doch klangen sie immer nach einer fernen, im Grunde unrealistischen, Utopie.
Aber als ich dort meine Kinder lachend und ausgelassen über die Bunker klettern sah, dachte ich: wenn Bunker einer Nation, die so viel Elend und Tod über die Welt gebracht hat, drei Generationen später zum Spielplatz werden, dann ist vielleicht doch mehr möglich, als ich manchmal denke. Vielleicht werden Kinder künftiger Generationen einmal genauso ungläubig den Geschichten heutiger Kriege lauschen wie meine Kinder als wir ihnen erzählten, wofür die Bunker einmal genutzt wurden: „Krieg zwischen Deutschland und Dänemark? Wie konnte das denn sein?“
Ich habe in dem Moment wieder einmal beschlossen: diese Vision und diese Sehnsucht will ich niemals aufgeben, nur weil sie nicht „realistisch“ erscheint. Ich will weiter daran glauben, dass Frieden möglich ist und dafür eintreten. Bis aus Schwertern Pflugscharen werden, aus Bunkern Spielplätze und aus Panzern – ja, was? Vielleicht frage ich einmal meine Kinder, welche Spiele man auf Panzern wohl am besten spielen könnte. Ich bin mir sicher, ihnen fällt etwas ein… 

11. Juli 2020 – Menschen kennen?

Neulich ist mir etwas ziemlich Skurriles passiert: ich war in einem Gespräch und unterhielt mich mit einer Frau, von der ich dachte, ich hätte sie noch nie vorher gesehen. Wir waren draußen, konnten gut auf Abstand stehen und trugen deswegen beide keine Gesichtsmasken. Nach einer Weile gingen wir hinein, sie drehte sich um, setzte ihre Maske auf und als sie mich wieder anschaute, merkte ich: „Hoppla, ich kenne sie ja doch.“ Aber beim ersten Treffen, einige Wochen zuvor, waren wir uns in geschlossenen Räumen begegnet und sie hatte die ganze Zeit eine Maske getragen. Ich hatte beim ersten Mal im Grunde nur ihre Augen gesehen und mir den Rest des Gesichts offensichtlich nicht dazu denken können.
Ich fand diese Szene zunächst vor allem witzig und dann hat sie mich ins Nachdenken gebracht: eigentlich ist doch immer so, dass wir Menschen über einen ganz bestimmten ersten Eindruck kennenlernen, der nur ein kleiner Ausschnitt einer viel weiteren Persönlichkeit ist. Und wie oft finden wir diesen Eindruck dann in späteren Begegnungen gar nicht mehr so recht wieder.
Wie unsere Masken gerade oft einen Teil unseres Gesichts bedecken, so besteht unsere Persönlichkeit doch auch aus unterschiedlichsten Facetten und Teilen, die wir je nach Situation und Zusammentreffen mit anderen Menschen mal offenlegen, mal stolz präsentieren, mal verschleiern oder beschämt verdecken.
Ich frage mich: tragen wir alle am Ende immer irgendwelche Masken und können wir je einen Menschen in seiner Gänze kennenlernen und verstehen?

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.
So steht es in der Bibel im 1. Buch Samuel.

Gott sieht uns Menschen nicht nur von außen an und in Teilen, sondern kennt sogar unser Innerstes. Das kann man gruselig finden. Oder Geborgenheit daraus schöpfen, dass wir bei Gott sein dürfen, wie wir unter unseren Masken sind. Dass wir uns ohne Angst ganz zeigen können. Schön oder mit Kissenfalten im Gesicht, mit Tränensäcken oder glänzenden Augen, beliebt bei anderen, eigenbrötlerisch, erfolgreich oder doch eher noch eine Weile auf der Reservebank. Gott wird uns immer wiedererkennen, weil er uns wirklich kennt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Sommer und hoffe, dass wir uns nach den Ferien kennenlernen oder wiedersehen und wiedererkennen. Bei der ein oder anderen Veranstaltung, mit Masken oder ohne, ganz äußerlich oder manchmal auch mit dem, was wir im Innersten im Herzen tragen.

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29. Juni 2020 – Auf dem Weg ins Paradies
Wenn der Sommer kommt, zieht es mich raus zu meinen Eltern aufs Land. Aus der heißen Berliner Wohnung fahre ich in das idyllische 8000-Einwohner-Städtchen, in dem ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe. Meine Eltern wohnen noch immer in dem gleichen Haus, ich schlafe wieder in meinem alten Kinderzimmer. Jedes Mal freue mich schon am Bahnhof auf den riesigen Garten, den Schatten der Bäume, das weiche Gras unter meinen Füßen.
Es fühlt sich nach all den Jahren, die ich dort schon nicht mehr wohne, nach all den Orten, an denen ich seitdem gelebt habe, immer noch wie „nach Hause kommen“ an. Oft gehe ich dann, nun mit meinen eigenen Kindern, zu Fuß zum Marktplatz und wir holen uns ein Eis in der einzigen Eisdiele im Ort, wo noch immer die gleichen italienischen Brüder arbeiten. So vieles ist gleich geblieben – jeder Besuch ist eine Rückkehr ins Glück, in die Sicherheit und Idylle meiner Kindheit.
Und doch ist es nicht das Gleiche und irgendwann überkommt mich jedes Mal so eine unbestimmte Wehmut. Irgendetwas scheint immer zu fehlen, in mir bleibt eine Leerstelle, eine Rastlosigkeit und jedes Mal denke darüber nach, was es ist, dieses Gefühl.
Ich denke an die Sommerferien, die ich faul im Gras liegend im Garten verbracht habe. An die ersten Fahrten mit dem Auto meiner Eltern zu meiner Freundin auf dem Dorf. An die stromernden Spaziergänge mit meinen Schwestern und dem Hund am Fluss entlang. Da ist so eine Sehnsucht. War es wirklich so schön? Ist das reine Nostalgie? Was suche ich?
Manchmal muss ich dann an die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies denken. Vielleicht erinnern Sie sich: Gott hatte die ersten Menschen, Adam und Eva, in einen para-diesischen Garten gesetzt, wo sie ohne Sorgen in den Tag hineinleben durften. Nur von dem „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ sollten sie nicht essen – und haben es natürlich doch gemacht. Daraufhin wurden sie aus dem Garten der Sorglosigkeit verbannt, mit den bekannten Folgen: schwere Arbeit, unter Schmerzen Kinder kriegen, Engel bewachen mit flammendem Schwert den Eingang.
Vielleicht hatten die Autorinnen und Autoren der Bibel eine ähnliche Erfahrung in Kopf und Herz. Vielleicht machten auch sie die Erfahrung: irgendwann ist die Sorglosigkeit der Kinder-tage vorbei, egal wie oft du auch an den vertraut-geliebten Ort zurückkehrst. Du kannst nicht mehr so einfach in den Tag hineinleben, dein Verstand und deine Verantwortung lasten auf deinen Schultern und lenken dich ab. Du wirst immer auf der Suche bleiben, den Frieden, den du aus deiner Kindheit (vielleicht auch völlig verklärt) erinnerst, wieder in dein Herz zu holen.
So stelle ich es mir vor, mein Paradies: der Ort, an dem die Suche vorbei ist und mein Herz sich nicht mehr fragt, was fehlt. Der Ort, an dem ich zu Hause bin und nicht mehr will, als da zu sein, wo ich gerade bin: an einem trägen Sommertag auf dem Bauch liegend im Gras im Garten meiner Kindheit und dem leisen Wind in den Zweigen lauschen.

Und Sie – wohin führt Sie die Sehnsucht nach ihrem Paradies?

22. Juni – Mit Gott im Kindersitz

Am Wochenende war ich nach langer Zeit endlich mal wieder mit meinen
Kindern den ganzen Tag im Park auf dem Spielplatz. Schaukeln, Rutschen,
Buddeln, auch die Jüngste war mit Feuereifer dabei.
Vor lauter Begeisterung haben wir dann ein bisschen die Zeit vergessen und als
wir den Rückweg antraten, war es doch schon ganz schön spät. Es kam, wie es
kommen musste, kurz vor der Haustür schlief die Kleine auf dem Kindersitz vom
Fahrrad ein. Irgendwie immer ein bedauernswerter Anblick, wenn sie so in ihren
Gurten hängt. Zuhause nahm ich sie dann ganz vorsichtig auf den Arm, damit sie
nicht aufwachte. Und spürte, wie sie ihren Kopf an meine Schulter schmiegte. Ihr
Arm legte sich ganz selbstverständlich um meinen Hals, im Schlafen kuschelte sie
sich dicht an mich. Und mich durchflutete ein Gefühl ganz großer Geborgenheit
und Vertrautheit.

Im Buch des Propheten Jesaja steht:
„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“,

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott genau so mit mir umgeht:
Mich vorsichtig in den Arm nimmt nach einem langen Tag, an dem ich erschöpft
bin, weil ich mein Bestes gegeben habe und im Tempo aller anderen mitgemacht
habe. Mich trägt und ins Bett legt, mir die Schuhe auszieht und mir sagt: „Ist gut,
du musst nichts mehr machen, ich kümmere mich schon. Ich bin da, wenn du
einschläfst und wenn du wach wirst, bin ich immer noch da.“
Ich wünsche mir von mir selbst, dass ich mich so fallen lassen kann und die
Verantwortung für ein paar Stunden abgeben kann. Auftanken und Kraft
sammeln kann unter dem Schutz Gottes, die wie eine Mutter auf mich aufpasst.
Gar nicht so einfach. Denn so gerne zeige ich mich ja nicht schwach und
verwundbar. Aber wo sollte das möglich sein, wenn nicht bei der, die mich schon
kannte, bevor ich geboren wurde?
Und vielleicht, so stell ich mir vor, vielleicht ist Gott ja genauso gerührt wie ich
bei meiner Tochter.
Lächelt, wenn ich mich vertrauensvoll anschmiege. Und fühlt sich mir ganz nah.

3. Juni – Rassismus schadet der Seele

Ich schreibe an dieser Stelle gerne über kleine Begegnungen im (Corona-)Alltag und Gedanken, die mir Mut machen. Heute ist in meinem Kopf und meinem Herzen dafür kein Platz. Zu sehr beschäftigen mich die schrecklichen Szenen aus den USA – der Tod von George Floyd, die folgenden Proteste und der Umgang mit ihnen.
Rassismus schadet der Seele“ – so lautete vor einiger Zeit der Slogan einer Kampagne des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte. Und ich glaube, das stimmt.

Rassismus beschädigt den tiefsten Kern des Menschseins von Tätern und Täterinnen und Opfern. Und er schadet der Gemeinschaftsseele einer Gesellschaft, nicht nur in den USA, sondern auch hier. Wann immer Menschen ungleich behandelt werden aufgrund ihrer Hautfarbe, Abstammung, Sprache, Religion – oder sogar Angst um ihr Leben haben müssen – betrifft es nicht nur Einzelne. Dann nimmt die ganze Gesellschaft Schaden. Dann werden Menschen auseinandergetrieben und in Gruppen gespalten. Dann verrohen Menschen und werden zu unfassbaren Taten fähig.

Rassismus betrifft uns alle – selbst, wenn wir das Glück haben, nicht zu denen zu gehören, die aufgrund ihrer äußeren Erscheinung ausgegrenzt und anders behandelt werden.
Es ist an uns allen, uns gegen Rassismus stark zu machen. Nicht wegzuschauen, wenn Menschen in der Bahn beleidigt werden. Einzuschreiten, wenn wir merken, dass mit anderen Menschen-unwürdig umgegangen wird. Uns zusammenzutun und Hilfe zu holen, wenn wir uns allein nicht trauen.
Es ist an uns allen, solidarisch sein. Auch wenn es mich vermeintlich nicht betrifft, auch wenn ich selbst keine diskriminierenden Erfahrungen gemacht habe. Es ist an uns, den Betroffenen zuzuhören und ihren Stimmen einen Platz einzuräumen.

„Black lives matter“ („Schwarze Leben zählen“) so lautet der Slogan der internationalen Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen schwarze Menschen einsetzt.

Es ist an uns, ihr Anliegen zu teilen, das Schweigen zu brechen und uns ihnen anzuschließen:

28. Mai – Random Acts of Kindness

Ich bin großer Fan von Kunst und Überraschungen im öffentlichen Raum.
Ich freue mich an jeder von Anwohner*Innen liebevoll gepflegten Baumscheibe.
Ich mag es, wenn ich irgendwo umhäkelte Laternen entdecke oder ein lustiges Zettelchen.
Und auch die kleinen Korkmännchen, die auf manchen Berliner Straßenschildern Sport machen, finde ich richtig toll.

Solche Ideen machen den Alltag ein bisschen spielerischer. Sie zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht und ich fange an, mir vorzustellen, wer die Menschen wohl sind, die sich diese Mühe machen. Wir kommen in Kontakt, ohne uns je gegenüberzustehen.

Aber, frage ich mich, wie wäre es, wenn ich da einfach mitmache? Und Sie auch? Wenn wir überlegen: was könnte ich dazu beitragen, anderen eine kleine Freude im Alltag zu machen? Ohne Dank, ohne Lob, sogar mit Abstand. Einfach nur, weil es Spaß macht, mich beschwingt und zeigt, dass wir eine liebenswürdige Welt selbst gestalten können. Das Risiko ist gering, es kostet nur ein klein wenig Überwindung.

Hier ein paar Ideen und Sie haben sicher noch ganz viele andere:

  • lächeln Sie die ersten fünf Personen an, die Ihnen auf der Straße begegnen
  •  kaufen Sie ein extra Straßenbahn-Ticket und lassen Sie es im Automaten liegen
  •  übernehmen Sie eine Gieß-Patenschaft für einen Baum am Straßenrand
  •  hören Sie einem Straßenmusiker fünf Minuten lang aufmerksam zu
  •  klemmen Sie einen Lottoschein an die Windschutzscheibe eines Autos
  •  sammeln Sie Müll auf
  •  legen Sie einen Blumenstrauß auf ein verwildertes Grab
  •  kleben Sie eine nette kleine Nachricht an Ihren Briefkasten für den Postboten
  •  kaufen Sie einen Strauß Blumen und drücken Sie ihn der nächsten Person in die Hand,        die Ihnen begegnet
  •  lesen Sie die Klingelschilder beim Spazierengehen und schicken Sie einer Person mit schönem Namen eine Postkarte
  •  halten Sie an und winken Sie jemanden über die Straße, der sonst warten müsste
  •  fragen Sie einen Obdachlosen, wie es ihm geht und ob er etwas braucht
  •  säen Sie Blumen auf einer Wiese oder am Straßenrand

Probieren wir es aus und machen wir unseren Alltag gemeinsam ein bisschen bunter!

21. Mai – Himmelfahrt

Dap – dap – dadada. Dadada – dap – dap – dadada… Löwenzahn.

Vielleicht kennen Sie die Melodie noch aus Ihrer Kindheit? Oder der Ihrer Kinder? – Und falls Sie meine grandiose Lautschrift nicht entziffern können: Diese Melodie meine ich: https://www.youtube.com/watch?v=vhmgPDugBrQ
In dem kleinen Vorspann zur Kinderserie Löwenzahn bricht eine Löwenzahnpflanze durch den Asphalt. Sie sprengt den Boden auf, entrollt die Blätter und die Blüte wächst empor. Und kurz darauf ist die ganze Straße von Löwenzahnpflanzen bedeckt.

Für mich sind der Löwenzahn und die Pusteblume wunderbare Bilder für Jesu Himmelfahrt. Die Bibel erzählt, dass Jesus nach seiner Auferstehung noch 40 Tage lang seinen Freundinnen und Freunden begegnete. Und dann schreibt der Evangelist Lukas:

„Dann hob er die Hände und segnete sie. Und dann, während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben.“

Zum Himmel emporgehoben – ein schwieriges Konzept? Stimmt schon. Schwer greifbar. Aber ich stelle mir das so vor:  
Jesus verwandelte sich, wie sich der Löwenzahn in eine Pusteblume verwandelt. Von der normalen körperlichen Existenz zu etwas ganz luftig-zartem. Kaum zu greifen. Aber er verschwand nicht in irgendeinen unerreichbaren Winkel im Himmel und sitzt dort fern von uns auf einer Wolke. Sondern wie die Fallschirmchen der Pusteblume auseinandergeweht werden vom Wind, wurde Jesus himmelweit. Er verband Himmel und Erde und durchdringt seitdem die ganze Welt. Wenn wir beieinander sind, dann ist Jesus auch bei uns mit seinem Segen, mitten unter uns.

Und wie die Samen der Pusteblume vom Wind überall hingetrieben werden, sandte er seinen Segen aus in die ganze Welt.

Segenssamen

Fallen in jede noch so karge Ecke der Erde.
Dringen in jeden Winkel und jede Ritze.
Beharrlich und tief.
Wollen den Himmel auf Erden bringen.
Brechen durch den harten Asphalt und sagen: „Gott ist bei dir.“
Und dann kann etwas Neues wachsen. Den harten Alltag überwuchern.
Frieden. Zufriedenheit. Glück.
Himmel und Erde berühren sich.

Illustration: Marie-Luise Abshagen

14. Mai – Das Recht auf Seelenbaumeln

„Als erstes haben wir die Unterscheidung zwischen Wochentag und Wochenende aufgehoben“, höre ich momentan häufiger. Es gibt Mama-Tage und Papa-Tage, und wer gerade nicht auf die Kinder aufpasst, arbeitet. An welchem Tag und zu welcher Uhrzeit auch immer.
Corona-Alltag. Es ist immer noch keine gesellschaftliche Lösung für die Kinderbetreuung da und das lang diskutierte Recht auf Homeoffice wurde zur Pflicht zum Homeoffice. Es bewahrheitet sich, was früher schon befürchtet wurde: der Trend geht zum entgrenzten Arbeiten, immer im Einsatz, Klinke-in-die-Hand-geben zwischen Arbeit am Schreibtisch und Betreuungsarbeit. Sicher, im Krisenfall geht es eben nicht anders. Aber geht das auf Dauer gut? Immer unter Strom und im Hinterkopf die Last der Aufgaben, die noch erledigt werden müssten. Willkommen im Hamsterrad, denn so richtig fertig ist die Arbeit doch eigentlich nie!

Mir macht es Sorge, was den Eltern da aufgeladen wird! Denn ich jedenfalls merke: mir tut es nicht gut, wenn alle Tage gleich intensiv sind und ineinanderfließen. Ich brauche die Abwechslung von Arbeit und Entspannung, von Herausforderungen und regelmäßig unver-planter Zeit zum Auftanken. Zeit ohne Druck und mit freiem Kopf. Wir machen als Familie jetzt, so oft es geht, wenigstens einen Tag in der Woche alle zusammen frei. Und das ist so kostbar!

Schon in der Bibel lesen wir davon, dass es gut ist, einen Tag in der Woche auszuruhen. Da macht sogar Gott eine Pause. Im ersten Buch der Bibel heißt es:

„Gott segnete den siebten Tag und nannte ihn heilig.
Denn an diesem Tag ruhte er aus von all seinen Werken, die er gescha
ffen hatte.“

Ich lese diese Verse nicht als autoritäre Vorschrift, sondern als weise Erfahrung: ein geschützter Tag tut gut! Ein Tag, der mich mir selbst nahe bringt und den Menschen, die ich gern hab. Ein Tag, der mir ein Segen ist. Ein Tag, an dem ich nichts erschaffen und produzieren muss, nicht funktionieren, sondern einfach nur genieße und mich durch und durch lebendig fühle.

Aber was macht man denn nun an so einem freien Tag? Seit letztem Sonntag feiern wir in unserer Kirche wieder Gottesdienst. Manche von uns finden dort so eine Zeit zum Seele baumeln lassen: einen Moment zum Innehalten, für Gemeinschaft (mit Abstand), zum Nachdenken, zum Ruhe finden, zum Genießen.

Vielleicht ist es für Sie nicht der Gottesdienst, der Sie auftanken lässt, sondern ein ganz anderes Ritual: vielleicht ein gemeinsames Frühstück ganz in Ruhe, ein Buch auf dem Balkon, ein Eis essen, ein Bad nehmen, Fußball spielen, ein Mittagsschlaf? Vielleicht ist es nicht mal der Sonntag, der bei Ihnen Ruhetag ist. Wann und wie auch immer: ich wünsche Ihnen, dass trotz der momentan erschwerten Bedingungen auch für Sie ein heiliger Ruhetag machbar ist! Ganz so, wie er Ihnen gut tut und ihre Seele baumeln lässt.

Bild von StockSnap

7. Mai – Niemals wieder!

Diese Woche, am 8. Mai, erinnern wir uns an das Ende des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren.
Ich schreibe: wir erinnern uns – und meine hoffentlich uns als Gesellschaft.

Mir ganz persönlich jedenfalls sind solche Erinnerungstage über die Jahre sehr wichtig geworden. Sei es der 9. November, der 27. Januar oder eben der 8. Mai.
Ich höre mir dann im Radio Geschichten an, die von Überlebenden erzählt werden: von denen, die damals Kinder waren oder junge Erwachsene.
Die in Ghettos waren. Die nichts zu essen hatten. Die sich versteckten. Die die Menschen verloren, die sie liebten. Die fliehen mussten. Ich kann diese Geschichten ganz schwer ertragen, irgendwann kommen mir jedes Mal die Tränen. Aber ich finde es so wichtig, mich diesen Geschichten auszusetzen, weil sie nicht vergessen werden dürfen. Das fände ich noch schwerer zu ertragen.
Wenn ich die Geschichten höre, bin ich oft fassungslos. Ich verstehe nicht, wie Menschen anderen Menschen so Schreckliches antun konnten. Wie Menschen so hasserfüllt sein können. Oder so gleichgültig.
Und gleichzeitig bin ich so dankbar, dass ich das nicht verstehen kann.

Dass ich in einem sicheren Land in einer sicheren Zeit geboren wurde. Dass ich nicht fliehen musste. Dass ich immer genug zu essen hatte. Dass niemand mir meinen Glauben oder meine Art zu lieben verbieten will.

Das geht nicht allen Menschen so, auch nicht in Deutschland. Und das macht mich wütend und umso entschlossener, mich in jedem Jahr wieder dem auszusetzen, was passiert ist. Damit es sich niemals wiederholt.

Ich will aus unserer Geschichte lernen. Lernen, was passiert, wenn wir anfangen, die Schwächsten nicht mehr zu schützen. Wenn wir laut darüber nachdenken, welches Leben und welches Lebensalter lebenswert ist. Welche Hautfarben zu „uns“ gehören.
Ich will dagegen protestieren. Um Kraft beten. Mich für Gerechtigkeit und die Erinnerung einsetzen. Und auch Gott den Frieden ans Herz legen mit Worten von Franz von Assisi:

Gott, mach mich zum Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Bild von Christine Sponchia

30. April Von schweren Päckchen und ihrem Transport

„Ach ja, jeder hat so sein Päckchen zu tragen“, pflegen wir manchmal zu sagen, mal mehr und mal weniger einfühlsam.
Momentan ist mein Päckchen an manchen Tagen besonders groß und schwer – schlecht geschlafen; Ärger über die allgemeine Unordnung zu Hause; genervt davon, keine Minute am Tag allein oder unverplant zu verbringen.
Dann kann ich schon mal nicht ganz so freundlich sein und manchmal kriegt, wer auch immer mir gerade in die Quere kommt, ein ordentliches Päckchen meiner Genervtheit aufgedrückt.

Klar ist das blöd.

Aber manchmal passiert dann etwas ganz Wunderbares:
Menschen antworten auf meinen Druck nicht mit Gegendruck.
Mein Gegenüber schimpft nicht zurück, sondern lässt mich ein paar Minuten einfach in Ruhe.
Nimmt mich in den Arm, wenn ich das möchte. Fragt, was los ist.

„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“,
hat der Apostel Paulus im Brief an die Galater geschrieben.

Und genauso ist es doch: es tut gut, wenn andere meine Last mittragen. Gerade in den Momenten, wo ich mich selbst nur schwer ertragen kann.
Ich glaube ja, die tolle Chance daran ist: wenn jemand meine Last mitträgt, dann habe ich im besten Fall am nächsten Tag auch wieder mehr Kraft zu verschenken, wenn andere mir ihre Päckchen aufladen. Weil ich weniger an meinem eigenen „Päckchen-Muskelkater“ zu knabbern habe.

Dann muss ich auf Unfreundlichkeit und Genervtheit nicht mit Gegendruck reagieren. Sondern kann erst einmal durchatmen, denken:
„Gut, wahrscheinlich war auch dein Tag anstrengend. Vielleicht machst du dir gerade jetzt Sorgen, wie du deine Rechnungen bezahlen sollst. Vielleicht vermisst du seit Wochen alle Menschen, die du gern hast. Vielleicht sorgst du dich gerade um deine Eltern.“
Und dann erst reagieren. Und zwar mit Nachsicht.

Eine Freundin von mir hat bei sich zu Hause folgendes Schild hängen: „Love me most when I least deserve it. That’s when I need it the most.“
Also in etwa: „Sei am freundlichsten zu mir, wenn ich es am wenigsten verdiene. Denn dann brauche ich es am meisten.“

Ich wünsche uns allen, dass wir unter diesem Motto einander beim Tragen unserer Päckchen helfen – wäre das nicht eine gute Haltung für ein bisschen mehr Leichtigkeit und Liebe in dieser verrückten Zeit?

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

24. AprilLaufen Lernen ins Himmelreich

Manche Sachen sind schön, trotz Corona: meine Tochter lernt gerade laufen. Sie steht dann an irgendeinem Möbel, hält sich fest, erst mit beiden Händen, dann einer. Ihre Augen schweifen und sie nimmt Maß, bis wohin die Schritte reichen könnten, damit wieder etwas zum Festhalten kommt. Dann grinst sie, lässt los und tapst – die ersten wackeligen Schrittchen. Oft stehen wir mit der ganzen Familie um sie herum und beklatschen und bejubeln jeden einzelnen Schritt. Meistens plumpst sie nach einem Meter schon wieder auf den Boden, aber das stört sie nicht. Irgendetwas zum Hochziehen ist meistens zur Hand. Und dann geht es wieder los: ein Schritt, zwei Schritte, hinfallen, grinsen, manchmal weinen, wenn der Fall härter war – und dann geht es weiter.
Es gibt da diese Szene in der Bibel, wo Jesus predigt und ihn ein paar Kinder besuchen wollen. Seine Jünger wollen sie abweisen, zu viele ernstzunehmende Erwachsene stehen wohl in der ersten Reihe an. Und dann sagt Jesus zu ihnen: „Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.“
Und ich denke mir: wenn das Himmelreich der Ort ist, an dem ich mit mir selbst, mit Gott und der Welt im Reinen und versöhnt bin – wie toll wäre es, wenn ich so mit meinen Fehlern umgehen könnte wie meine kleine Tochter. Wie oft, wenn ich etwas Neues beginne und mir andere am besten auch noch beim Üben zusehen, werde ich ungeduldig mit mir selbst. Es kann doch nicht sein, dass jemand meine Unsicherheiten mitbekommt! Dann will ich alles sofort können, möglichst weit kommen. Und spätestens, wenn ich das dritte Mal auf die Nase falle, frage ich mich langsam ernsthaft, ob das die Mühe noch wert ist oder ich besser in die gewohnten Pfade zurückkehre.
Könnten wir nicht mit uns selbst und anderen viel gnädiger umgehen, wenn wir wie Kinder Laufen lernen würden?
Festhalten. Dann loslassen. Einen Schritt vor den anderen. Überzeugt, dass es schon irgendwann wird. Wenn wir fallen, wieder aufstehen. Wenn es weh tut, uns trösten lassen von denen, bei denen wir geborgen sind. Und von Gott. Und die Weggefährten wahrnehmen, die uns mit ihrem Jubel unterstützen bei unseren Gehversuchen.

Und noch etwas habe ich heute von meiner Tochter gelernt. Müde vom Laufen lernen, ließ sie sich von mir hoch nehmen. Plötzlich riss sie den Arm hoch und zeigte aufgeregt nach oben. Ich folgte dem ausgestreckten Zeigefinger mit dem Blick. Und über mir war der strahlend blaue Aprilhimmel und davor wogende Kirschblüten im Wind. So viel Schönheit, Klarheit, Freiheit. Und ich hatte gar nicht darauf geachtet.

Manchmal denke ich: wie oft würde es uns besser gehen, würden wir das Gesicht mehr gen Himmel halten, uns vom klaren blau und Kirschblüten beschenken lassen und das offene Himmelreich über uns wie die Kinder entdecken.

21. April Lichtblicke selbst gemacht

Vielleicht sind Ihnen in den letzten Tagen die bemalten Steine aufgefallen, die an manchen Ecken Heinersdorfs auftauchen. Sie liegen auf den Bänken an der Tram-Haltesstelle. Auf den Stromkästen. Auf den Pollern an der Ampel. Vor dem Gemeindebüro. Immer mal woanders. Es sind Ostersteine – Hoffnungssteine. Fleißige Menschen sind unserem Aufruf gefolgt und haben sie bemalt, um Hoffnungszeichen in den Alltag zu bringen. Sie wollen Freude machen und zeigen: wir geben nicht auf. Wir haben Hoffnung. Wir halten zusammen.
Wer einen findet, darf ihn ein Stück mitnehmen. Kann darüber nachdenken: was macht MIR Hoffnung? Und ihn dann an einem anderen Ort wieder ablegen, damit jemand anders ihn finden und sich freuen kann.
Wenn ich solche Steine in Heinersdorf sehe, dann freue ich mich und mache ein Foto. Meine bisherige Gallerie sehen Sie hier:

Vielleicht haben Sie auch noch Lust mitzumachen? Nach dem kirchlichen Kalender geht die Osterzeit noch eine ganze Weile, bis zum 24. Mai. Aber Hoffnung und Freude kann man ja immer brauchen – auch ganz abgesehen von Corona. Die Anleitung finden Sie hier:

15. April 2020I am a rock. I am an island.

Kennen Sie noch den Song von Simon and Garfunkel? In diesen Tagen muss ich manchmal an ihn denken. Er beschreibt so gut, wie ich unser Leben gerade wahrnehme:

Alle zu Hause. Lauter kleine Inseln. Jeder und jede für sich. Lebensformen in Reinkultur.

Wo der Austausch auf neutralem Boden – bei der Arbeit, im Supermarkt, auf dem Spielplatz – wegfällt, fallen unterschiedliche Lebensrealitäten und Bedürfnisse so stark auseinander wie wohl noch nie:

Manche, die in einer WG leben, sehnen sich danach, endlich wieder einmal fünf Minuten die Küche für sich allein zu haben ein – und mancher, der allein lebt, sehnt sich nur danach, endlich wieder einmal mit anderen zusammen zu essen.

Manche sind mit ihren verrückten Videos gegen die Langeweile zu Internet-Stars geworden – und manch müde Eltern wünschten sich ein bisschen Langeweile in ihr Leben zurück.

Manche Schüler, die sonst in der Bibliothek lernen, weil zuhause zu viel Trubel ist, sehnen sich nach offenen Schulen, wo sie ungestört für ihre Prüfungen lernen können – und manche Kita-Kinder lieben die viele Zeit zuhause mit ihren Eltern.

Manche bangen um ihre Existenz und sehnen sich nach Aufträgen – und manche sehnen sich nach einem freien Tag, weil sie seit Wochen viel zu viel system-relevante Arbeit verrichten.

Ich vermisse die Begegnungen mit Menschen, die anders leben, fühlen und denken als ich. Weil ich so tief in mein eigenes Leben eingetaucht bin, fällt es mir schwerer mich in andere hineinzuversetzen, denen es gerade ganz anders geht. Manchmal bin ich richtig überrascht, welche Probleme andere gerade beschäftigen. Und muss aufpassen, dass ich ihre Schwierigkeiten nicht abtue, weil sie gerade so völlig verschieden von meinen eigenen sind.
In meinem Inselleben ist mir in den letzten Wochen jedenfalls klargeworden:
Ich bleibe gerne zu Hause, wenn es hilft, dass wir schneller wieder zur Normalität zurückkehren können und Menschenleben gerettet werden. Aber meine Insel soll nicht zum abweisenden Felsen werden, an dem ich innerlich verhärte und nur noch um mich selbst kreisel. Auch wenn ich auf der Insel meines Lebens festsitze, möchte ich Geschichten von anderen Inseln hören, in Kontakt bleiben, möchte mitfühlen und anerkennen, dass unsere Themen sich gerade manchmal sehr unterscheiden. Ich möchte Brücken bauen, von meiner Insel zu anderen, virtuell, per Telefon und von Balkon zu Balkon. So wie es in einem Lied in unserem Gesangbuch heißt:

Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen. Gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen. Und wenn ich gehe gehst du mit!“

7. April 2020Ostern 2020: „Back to the roots“ – Gott zu Hause finden

„Ostern fällt aus“. So titelte manche Zeitung in den letzten Wochen. Das ist natürlich ganz schön plakativ, aber irgendwie trifft es doch das Gefühl der Zeit. Nach all den Beschwerlichkeiten der letzten Wochen nun auch an Ostern: keine Besuche, kein Ostereiersuchen im Garten von Oma und Opa, keine Gottesdienste!
Das ist hart, ohne Frage! Da fehlt so viel ganz Wichtiges! Und das soll nicht weggeredet werden. Und gleichzeitig denke ich, dass wir auch vor einer großen Chance stehen. Gerade jetzt, wo wir es nicht haben können, merken wir, welche Dinge uns an Ostern so wichtig sind:

Die Feier mit der erweiterten Familie, das Geplauder und die Besuche, die fröhlichen Kinder aus dem Kindergarten im Ostergottesdienst, das gemeinsame Singen, die entzündeten Kerzen, das Osterevangelium; ein Gedanke aus der Predigt, der in den Tag begleitet.

Aber fällt Ostern wirklich aus?

In der Apostelgeschichte wird beschrieben, wie sich nach Jesu Tod und Auferstehung die Kirche geformt hat und die ersten Christen gelebt haben. Und dort lese ich:

Tag für Tag versammelten sie sich als Gemeinschaft im Tempel. In den Häusern hielten sie die Feier des Brotbrechens und teilten das Mahl voll Freude und in aufrichtiger Herzlichkeit.“ und „Unbeirrt lehrten sie Tag für Tag im Tempel und in den Häusern. Sie verkündeten die gute Nachricht.“ (Kapitel 2 und 5)

Die ersten Christinnen und Christen trafen sich als Gemeinschaft im Tempel und in ihren Häusern. Öffentlich und zuhause. In der ganz großen Gruppe und im Kreis der Familie.
Vielleicht gilt auch für uns: Ostern 2020 – „back to the roots“ – Gott zu Hause finden

Ostern 2020 – bei aller Traurigkeit über das, was fehlt – die große Chance, mich daran zu erinnern, dass ich auch alleine mit Gott Kontakt aufnehmen kann.

Ostern 2020 – für mich allein die Ostergeschichte lesen, in meinem Tempo und meiner Intensität: wie war das noch mal, als die Frauen zum Grab gingen und es leer vorfanden? Wie haben sie sich wohl gefühlt? Wie hätte ich mich gefühlt?

Ostern 2020 – für mich allein Osterlieder anhören und mitsingen, in Endlosschleife, dank Internet. Mein persönliches Ostern-Ohrwurm-Lieblingslied: „Er ist erstanden“ mit der Melodie aus Tansania (die Nr. 116 im Gesangbuch). Und Ihres?

Ostern 2020 – im Morgengrauen das Fenster öffnen, die Augen schließen, einfach atmen, die kühle Luft spüren, zum Himmel blicken, das Herz weit werden lassen.

Ostern 2020 – spazieren gehen, die erwachende Natur genießen, Gott danken, dass Christus auferstanden ist und ich lebe.

Ostern 2020 – Gott zu Hause finden!

Bild von Jill Wellington auf Pixabay

2. April 2020Körper und Seele in Zeiten von Corona

Als ich noch Studentin war, habe ich mit meinem Baby Menschen ehrenamtlich im Seniorenheim besucht. Ich brauchte eine Aufgabe und die Frauen, die ich besuchte, freuten sich über Gesellschaft. Eine klassische Win-win-Situation. Wir haben gar nicht immer viel geredet, aber trotzdem haben wir uns gegenseitig begleitet. Wie groß war die Begeisterung, als das Baby zum ersten Mal durch die Lobby krabbelte! Und spätestens als wir gemeinsam Kinderlieder sangen, ist in mir die Überzeugung gereift: Kinder und alte Menschen tun einander so gut!
Nun sind die Seniorenheime abgeriegelt, um die alten Menschen vor Corona zu schützen. Mein Kopf kann das völlig nachvollziehen, das ist ja nur vernünftig. Und doch fragt mein Herz mich schon länger, wo die Seele dabei bleibt.
Gestern habe ich im Radio ein Interview gehört mit einer Frau von der Seniorenvertretung Berlin-Mitte. Sie sagte: „Man möchte die Alten einsperren zu Hause. Aber Menschen, die selber nicht entscheiden können, wo sie sein wollen, da ist es noch viel schlimmer, wenn die, die sie erwarten, nicht kommen dürfen… Wegsperren ist keine Möglichkeit. Wegsperren macht krank.“
Müssen wir manchmal unliebsame Entscheidungen für andere treffen, um sie zu schützen? Lieber alleine und gesund, als in Gemeinschaft und infiziert? Vielleicht. Und doch muss ich immer wieder daran denken: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…“ (Matthäus 4,4).
Menschen brauchen körperliche Pflege, Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Schutz. So dringend brauchen sie das alles. Aber auch Gemeinschaft, Zuwendung, Gespräche, Sinn, die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Körper und Seele sind nicht zu trennen, sonst können Menschen bei bester körperlicher Pflege innerlich verhungern.
Aber Corona ist nun einmal real, die Situation nicht zu ändern. Was also können wir tun?

Vielleicht dies:

An unsere Großeltern denken. Briefe und Karten schreiben. Fotos schicken. Anrufen. Vielleicht unter dem Balkon des Seniorenheims stehen und rufen. Oder singen. Das Hilfetelefon vom „Silbernetz“ bekannt machen.

Und auch uns selbst nicht vergessen: an niemandem geht diese Zeit spurlos vorbei. Wir funktionieren weiter, der Körper macht schon mit. Aber das Warten, die Ungewissheit, vielleicht auch die Angst, setzen auch der Seele der Jüngeren zu.

Deswegen: suchen auch Sie sich Menschen zum Reden. Rufen Sie Ihre beste Freundin mal wieder an! Kontaktieren Sie Ihre Pfarrerin oder die Telefonseelsorge. Wir sind für Sie da! Oder setzen Sie sich ab und zu sonntags in eine stille offene Kirche und lassen Sie Ihre Seele Atem holen…

Bild von giselaatje auf Pixabay

26. März 2020Der Mond ist aufgegangen …Evangelisches Gesangbuch Nr. 482

Wir singen viel zuhause. Unseren Kindern haben wir von Anfang an Lieder zum Einschlafen vorgesungen. Weil es uns Spaß macht, weil es Geborgenheit und Sicherheit gibt. Manchmal wurde unser Gesang kritisch aufgenommen. Als ich das letzte Mal im abendlichen Kinderzimmer zu Der Mond ist aufgegangen ansetzte, wurde ich lautstark aufgefordert, doch bitte keine „Babylieder“ mehr zu singen.
Und dann kam Corona und der vergangene Freitag, an dem wir um 19 Uhr auf unserem Balkon standen, in der Dämmerung, mit Gesangbüchern, Taschenlampe und Trompete ausgerüstet. Die Nachbarin aus dem 1. Stock stand wie verabredet mit ihrem Waldhorn an ihrem offenen Fenster. Am Anfang klang es noch ein bisschen schief, wir mussten uns zusammenfinden. Aber dann hallten Trompete und Horn über unseren Innenhof und die stille Stadt. Und die Vierjährige sang voll Inbrunst mit: „die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“.
Und ich hatte eine Gänsehaut als die Fenster gegenüber aufgingen und noch zwei Familien mitsangen. Als wir uns über den Abstand hinweg fragten, wie es uns ginge und uns für den nächsten Abend wieder verabredeten.
Singen schafft Gemeinschaft und Geborgenheit. Und Gemeinschaft ist es doch, was Corona uns nimmt und doch nicht nehmen kann. Wir rücken auseinander und im besten Falle doch zusammen.
Noch nie habe ich die letzte Strophe so bewusst gehört: „verschon uns, Gott, mit Strafen, und lass uns ruhig schlafen und unseren kranken Nachbarn auch“. Auch wenn ich die Namen der Kranken in meiner Straße, in meinem Stadtteil, nicht kenne, so kann ich sie doch Gott ans Herz legen. Ich kann beten, dass sie wieder gesund werden. Ich kann beten, dass ihre Familien aufgefangen werden. In Gedanken kann ich bei ihnen sein.
Das abendliche Singen ist unser Ritual geworden über die letzte Woche. Auch heute Abend werden wir wieder singen, so wie viele andere Menschen in Deutschland.

Um 19 Uhr, am offenen Fenster, auf dem Balkon, im Garten.
Erwachsene, Eltern, Kinder, Alleinstehende, Nachbarinnen und Großeltern.
Mit Instrumenten oder a capella.
Ein bisschen schief oder richtig schön, auswendig oder vom Handy abgelesen.
Aber auf jeden Fall miteinander verbunden.

Singen Sie mit?

Bild von Junior Peres Junior auf Pixabay

22. März 2020 – Von Angst, Liebe und Besonnenheit

Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben,
sondern einen Geist der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit“. – 2. Timotheus 1,7

Manchmal gibt es Verse in der Bibel, die scheinen genau für mich und meine Situation geschrieben. Dieser hier ist so etwas wie mein Motto geworden für meinen persönlichen Umgang mit Corona.
In diesem Vers höre ich Gott zu mir sagen: „wir schaffen das“. Er erinnert mich daran, dass mir noch anderes bleibt, als mich meiner Angst zu ergeben. Denn wenn ich ganz ehrlich bin:
Ja, mich piekst manchmal die Angst, wenn ich an meine Freundin denke, die chronisch krank ist.
Und noch ehrlicher: wenn ich zuhause meine drei munteren Kinder den ganzen Tag bespaße, dann fallen nicht immer nur liebevolle Worte.
Und außerdem habe ich auch noch den Drang, mich nützlich zu machen und komme mir manchmal ganz schön hilflos vor, denn so richtig viel kann ich ja gerade nicht tun.
Aber gerade dann, wenn meine Gedanken beginnen, Kreise zu fahren, kommt mir oft dieser Vers in den Sinn. Und dann merke ich: Ich KANN mich jetzt fallenlassen in meine Angst und meine Hilflosigkeit, ich KANN mich von ihr treiben lassen.
Aber ich bin nicht dazu verpflichtet!
Denn Gott hat da etwas in uns Menschen eingepflanzt, das uns stark macht in Situationen wie genau dieser. Einen Geist, einen Funken seiner Liebe, der uns fähig macht, über unsere Angst hinauszuwachsen und Liebe, Kraft und Gelassenheit in uns zu finden.
Wir sind der Angst nicht ausgeliefert! Wir KÖNNEN uns gegenseitig misstrauen, uns das Klopapier vor der Nase wegschnappen und mit den Fingern auf die zeigen, die kurz nach draußen zum Luftschnappen gehen. Aber wir können auch nachsichtig miteinander sein, liebevoll und uns gemeinsam Kraft geben, Corona miteinander zu überstehen.
Und so wünsche ich uns allen,
… dass wir aus Liebe zu unseren Kindern über das Chaos im Wohnzimmer hinweg auch immer wieder die geschenkte Zeit miteinander genießen können,
… dass wir die Kraft in uns finden, zuhause zu bleiben und dem Tatendrang und dem Frühlingswetter zu widerstehen.
… dass wir so viel Gelassenheit in uns finden, einen Schritt nach dem nächsten zu tun, einen Tag nach dem nächsten anzugehen und die Zukunftsangst auf morgen zu verschieben.