Heinersdorfer Kantorei

Kantorei-Jubiläum am 22. Mai 2011

Zum Sonntag Kantate wurde das 50-jährige Bestehen gefeiert.

»Jauchzet, frohlocket ...« im Frühling? Manch ein Gottesdienstbesucher rieb sich verwundert die Ohren, als zum Auftakt des Festgottesdienstes in der Heinersdorfer Kirche der Eingangschor der wohl berühmtesten Weihnachtsmusik erlang – und das mit Pauken und Trompeten und allem, was sonst so dazu gehört. Doch eigentlich konnte nichts Passenderes für diesen feierlichen Anlass ausgewählt werden. Denn dass die Kantorei unter der Leitung ihres Kantors Wolfgang Hensel nun bereits seit einem halben Jahrhundert Musik macht – und dabei Mitwirkende und Zuhörer begeistert – das ist schon ein Grund zum Frohlocken. Und wohl kein Werk stand seit 1961 öfter auf dem Programm der Heinersdorfer Kantorei als das Bach'sche Weihnachtsoratorium – etwa 70 Mal wurde es aufgeführt, schätzte das Gründungsmitglied der Kantorei, Lothar de Maizière, in seiner Festansprache am Nachmittag.

Und überhaupt – Singen und Musizieren sind mit der frohen Botschaft, der Freude an der Schöpfung und dem Lobe Gottes in der Kirchenmusik schon immer fest verbunden – so natürlich auch in der Heinersdorfer Kantorei. In seiner Predigt hob Pfarrer Andreas G. Kaehler die Bedeutung der Musik für den christlichen Glauben hervor und orientierte sich dabei an dem häufig vertonten Psalmwort »Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.« Und auch die weitere Musik im Gottesdienst ließ dies deutlich werden. So erklangen die Motetten »Sei Lob und Preis mit Ehren« von Bach und »Lobe den Herren meine Seele« von Schütz sowie der Eingangschor aus der Bach-Kantate Nr. 11 »Lobet Gott in seinen Reichen«. Oberkonsistorialrätin Friederike Schwarz betonte in ihrer Ansprache die heilsame Wirkung von Musik, bevor sie Wolfgang Hensel im Namen des Bischofs eine Ehrenurkunde zu dessen 50. Dienstjubiläum überreichte und die Gottesdienstbesucher damit zu stehenden Ovationen animierte.

Nach dem Gottesdienst zog die Festgemeinde in den benachbarten Margaretensaal um, der seit seiner Restaurierung vor vier Jahren wieder den würdigen Rahmen für feierliche Anlässe bietet. Dort wurde unter anderem ein eigens aus Anlass des Jubiläums produziertes Feature uraufgeführt, in dem zahlreiche Kantoreimitglieder und -freunde zu Wort kommen. Nach der offiziellen Festrede folgten zahlreiche Grußworte, musikalische Beiträge und Danksagungen. Außerdem konnte eine Ausstellung über die Kantorei besichtigt werden. Gemeinde und Kantorei hatten am Sonntag allen Anlass, dankbar auf das langjährige und engagierte Wirken ihres Kirchenmusikers Wolfgang Hensel zurückzublicken und miteinander zu feiern. Inzwischen ist der Blick allerdings schon wieder nach vorn gerichtet: Drei Tage nach dem großen Fest begann in der wöchentlichen Chorprobe die Vorbereitung für die nächste größere Aufführung: Das Mozart-Requiem Ende Oktober. –um

Nach der offiziellen Festrede wurden mehrere Grußworte gehalten ...

... und musikalische Darbietungen vorgetragen.

Gespräche mit alten Weggefährten

Auf der Bühne: Kirchenchor Alt-Pankow, Heinersdorfer Chor.

Moderator, Küchenmeister und Kantor

Einladung zum Kantorei-Jubiläum

10 Uhr Festgottesdienst
Am Sonntag Kantate, dem 22. Mai, wird der 50. Geburtstag der Heinersdorfer Kantorei und das 50. Dienstjubiläum von Kantor Wolfgang Hensel feierlich begangen. Wir laden zu einem festlichen Gottesdienst in die Heinersdorfer Kirche – natürlich mit viel Musik.
Feierstunde im Margaretensaal
Anschließend laden Kantorei und Gemeinde herzlich zu einer kleinen Feierstunde ein. Es gibt einen Imbiss, eine Laudatio, einen Rückblick auf 50 Jahre Kantorei und Musik. Lassen Sie sich überraschen und schauen Sie vorbei. Wir freuen uns, wenn Sie sich unter kantorei@gemeinde-heinersdorf.de anmelden.

Fotos: Arvo Wichmann

»Gemeinde bauen mit Musik!«

Lebendiges Repertoire, hohe Qualität und keine Frömmelei – so bringt Kantor Wolfgang Hensel seit fünfzig Jahren »seine« Kirche zum Klingen.

Von Silke Ihden-Rothkirch

[Beitrag zum 50. Kantorei-Jubiläum für »Die Kirche«]

April 2011. Ein ganz normaler Vormittag beim Kantor. Gesangsstunde, Vorbereitung des Karfreitagsgottesdienstes. Geprobt wird Heinrich Schütz. In der Küche steht Tee, Gemüsesuppe köchelt. Es geht zu wie im Taubenschlag: dauernd sind Musikerkollegen oder Schüler am Telefon; Handwerker, Nachbarn, der Pfarrer an der Tür. Dabei wird der muntere Hausherr demnächst 84 Jahre alt. Am 22. Mai feiert die Heinersdorfer Kantorei fünf Jahrzehnte unter Leitung von Wolfgang Hensel.

April 1961. Vor fünfzig Jahren kam reges musikalisches Leben in die kleine Kirchengemeinde Heinersdorf im Berliner Nordosten. »Einen dicken Fisch hatte mein Vater da an Land gezogen«, erinnert sich Dr. Werner Krätschell, Superintendent in Rente und Sohn des damaligen Gemeindepfarrers. Die junge Musikerfamilie Hensel wohnte bereits in Heinersdorf. »Wir hatten öfter in der Kirche musiziert. Ich habe ein paar Leute mitgebracht, es gab großes Aufsehen. Als der ansässige Kantor merkte, dass plötzlich jemand musikalisch etwas auf die Beine stellt, verschwand er fluchtartig. Zu Ostern sagte dann der Pfarrer zu mir: Ab heute sind Sie Kantor!«

Der Berufsweg des ehemaligen Kruzianers begann weltlich: Das DDR-Kulturministerium holte Hensel 1953 von der Dresdner Musikhochschule nach Berlin. Er sollte eine Chinatournee des Staatlichen Volkskunstensembles leiten, weil sein Vorgänger in Ungnade gefallen war. »Mein Glück, dass ich singen, dirigieren und immer etwas anbieten konnte! Erfahrungen hatte ich im Kreuzchor reichlich gesammelt. Und – man lernt ja.« Rückblickend war die Reise nach China Auftakt einer »Odyssee«, in der er als Chorleiter, Dirigent, Musikschullehrer, Stimmbildner und Aufnahmeleiter seinen Lebensunterhalt bestritt. Mit seiner lebenslustigen, unkonventionellen und zuweilen kompromisslos aufbrausenden Art war er kein Freund von Institutionen. Bis er in die Heinersdorfer Kirche kam – und blieb. Auch hier scharte er schnell Musikbegeisterte um sich. Mit etlichen von ihnen musiziert er noch heute. »Ich bin wohl das dienstälteste Mitglied im Collegium musicum der Heinersdorfer Kantorei«, erzählt Lothar de Maizière. Der letzte DDR-Ministerpräsident stieß im Mai 1961 als junger Bratschist dazu. 1962 führte die Kantorei dann erstmals Bachs Weihnachtsoratorium auf – inzwischen über vierzig Mal. Mittlerweile umfasst Hensels Archiv 780 Aufführungen, Gottesdienste nicht mitgezählt.

»Diese Kirche wurde mein Herzstück. Sie hat mich immer fasziniert, so schlicht und schön. Aber was willst Du mit einer leeren Kirche anfangen? Mit Musik, ob geistlich oder weltlich, kannst Du Leute einladen. Als Kantor habe ich Amt und Aufgabe, mit jedem etwas zu tun. Denn jeder hat eine Stimme und kann singen.« Als Musikant hat Hensel auch nach einem halben Jahrhundert hohe Qualitätsansprüche, vor allem aber »Spaß, zu experimentieren und das Substanzielle aus dem herauszuholen, was da ist.«

Die Heinersdorfer Kantorei feiert Geburtstag

Seit einem halben Jahrhundert wirkt Kantor Wolfgang Hensel in Heinersdorf

Von Uwe Müller

[Beitrag zum 50. Kantorei-Jubiläum für das Heinersdorfer Gemeindeblatt]

Es ist ein Jubiläum, das wohl den wenigsten Zeitgenossen vergönnt ist. Am 1. April konnte Wolfgang Hensel, Kantor in Heinersdorf, auf 50 Berufsjahre zurückblicken, die er an ein und derselben Dienststelle verbracht hat – eben in der Heinersdorfer Gemeinde.

Dass es zu einer solch beeindruckenden Anzahl an Wirkungsjahren kommen konnte, ist freilich nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sich Wolfgang Hensel mit dem offiziellen Eintritt ins Rentenalter nicht aufs Altenteil zurückzog. Stattdessen führt er, weil die Kantorenstelle in Heinersdorf gestrichen wurde und kein Nachfolger eingestellt werden konnte, seine kirchenmusikalische Arbeit seit nunmehr fast 20 Jahren gegen eine geringe Aufwandsentschädigung ehrenamtlich fort – und das mit einem bewundernswerten Engagement und großer Ausstrahlung.

Vom damaligen Pfarrer Eberhard Krätschell nach Heinersdorf geholt, fing der 33-jährige Wolfgang Hensel als Kantor in der Gemeinde an und begann mit einer für Heinersdorf völlig neuen musikalischen Arbeit und dem Aufbau der Heinersdorfer Kantorei. Daher kann sein Dienstjubiläum gleichzeitig als der Geburtstag der Kantorei gelten. Bevor er Kantor wurde, war der aus Radebeul stammende ehemalige Kruzianer Chordirektor des Staatlichen Volkskunstensembles in Berlin und durchlief unterschiedliche künstlerische Positionen in der damaligen Hauptstadt der DDR, die ihn unter anderem auf Konzertreisen um die halbe Welt führten. So wurde er zum stellvertretenden Leiter der Köpenicker Musikschule und leitete den A-cappella-Chor Berlin, den er auch in seiner Heinersdorfer Zeit noch weiterführte.

Durch die vielfältigen Beziehungen aus seinen früheren Tätigkeitsfeldern wirkten in der neu gegründeten Kantorei von Anfang an neben Gemeindegliedern Musiker aus anderen Stadtteilen mit, die ihm und der Kantorei zum Teil bis heute die Treue halten. Zu denjenigen, die vor 50 Jahren schon dabei waren und es noch heute sind, zählen Christa Thurmann (Sopran) und Lothar de Maizière (Viola). Damit wurde die Kantorei das, was ihre Identität bis heute bestimmt – eine musikalische Gemeinschaft, die Wirken und Mitwirkende nicht auf die Gemeinde beschränkt, sondern die einen Ort für Musiker aus der ganzen Stadt bietet und auch weit über Heinersdorf hinaus wirkt. Wolfgang Hensel, der immer wieder sein Anliegen betont, Musik zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Menschen zu machen, hat die musikalische Arbeit der Kantorei somit auch zu einer missionarischen Aufgabe gemacht.

Nach dem Vorbild des Kreuzchores führte Wolfgang Hensel eine musikalische Liturgie für das Kirchenjahr in der Gemeinde ein, deren Elemente wir bis heute nicht missen möchten. Dazu zählt unter anderem das Kurrende-Singen zur Christvesper am Heiligen Abend, das Generationen von Chorkindern geprägt hat, aber auch die Musik in der Christnacht, die Meditation an der Krippe zwischen Weihnachten und Silvester, die musikalischen Gottesdienste an Karfreitag und Ewigkeitssonntag und an allen anderen Höhepunkten des Kirchenjahres sowie das sommerliche Serenadenkonzert.

In den Siebziger Jahren wurden in Heinersdorf mehr als 30 Rundfunkaufnahmen für die Evangelische Morgenfeier gemacht, die im Rundfunk der DDR übertragen wurden und die Heinersdorfer Kantorei zumindest in Berlin weithin bekannt machte.

Prägend war die Zusammenarbeit mit anderen Chören, die sich vor allem auf persönliche Kontakte des Kantors zu Kollegen aus der ganzen Stadt und auch aus dem Umland Berlins stützte. So kam es zu gemeinsamen Aufführungen mit der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde, der Kantorei Friedrichsfelde, der Lichtenberger Erlöser-Kantorei, der Kantorei Alt-Pankow und vielen anderen. Es fanden Aufführungen im Berliner Dom, in Karlshorst, Königs Wusterhausen und in Rheinsberg statt.

Später wurden aus Platzmangel alle großen Aufführungen in andere Kirchen verlegt – in die Gethsemanekirche, die Samariterkirche, die Pfarr- und Glaubenskirche und besonders häufig in die Sophienkirche, wo im November 1996 mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart das letzte Konzert stattfand. Anschließend genoss die Kantorei in der Moabiter Heilige-Geist-Kirche ein Gastrecht. Inzwischen finden wieder alle Konzerte in Heinersdorf statt – zuletzt erklang am 9. April 2011 die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach in der Heinersdorfer Kirche.

Die wohl wichtigste Partnerschaft vor allem in der Zeit des geteilten Deutschlands war die mit der Kantorei der Heinersdorfer Partnergemeinde Bad Oeynhausen. Sie wurde über intensive persönliche Kontakte jahrelang getragen und war bis zum Mauerfall der wichtigste Motor für die Gemeindepartnerschaft, die in diesem Jahr ebenfalls 50 Jahre alt wird.

Zu den Höhepunkten des Chorlebens gehören die regelmäßigen Wochenendfahrten, die bis heute mehrmals jährlich stattfinden und wo neben intensiven Proben seit jeher die Gemeinschaft zwischen den unterschiedlichen Generationen gelebt wird. Während es früher nach Wünsdorf ging, finden die Chorwochenenden heute in Himmelpfort statt. Auch einige Konzertreisen wurden unternommen – unter anderem nach Rom und Prag. In den 50 Jahren ihres Bestehens erarbeitete sich die Heinersdorfer Kantorei viele große und kleine kirchenmusikalische, aber auch weltliche Werke von Bach, Mozart, Brahms, Haydn, Händel, Schütz, Dvorák, Fauré, Mendelssohn-Bartholdy und vielen anderen. Chor und Collegium musicum brachten in hunderten von Gottesdiensten und Konzerten eine Vielzahl von Kantaten, Messen, Motetten, Streichkonzerten, Requien, Oratorien und vielem mehr zu Gehör.

Trotz allem ist die Heinersdorfer Kantorei immer ein Laien-Ensemble geblieben, was nicht zuletzt an den überaus bescheidenen finanziellen Mitteln deutlich wird. Der Eintritt für die Konzerte war immer frei, die Kosten werden allein durch die Kollekte am Ausgang bestritten. Dass dies auch heute noch uneingeschränkt gilt, macht die Heinersdorfer Kantorei zu den ganz wenigen Klangkörpern in der Stadt, die auch große Konzerte wie das Weihnachtsoratorium oder das für Ende Oktober geplante Requiem von Mozart nach diesem Modell durchführen.

Der Geburtstag der Heinersdorfer Kantorei und das Dienstjubiläum von Kantor Wolfgang Hensel wird – wie sollte es anders sein – am Sonntag Kantate gefeiert – am 22. Mai 2011 also. Dieser Anlass bietet die Gelegenheit zurück und in die Zukunft zu blicken und dem inzwischen 83-jährigen Wolfgang Hensel für sein unermüdliches Engagement zu danken. Nach einem musikalisch ausgestalteten Festgottesdienst um 10 Uhr in der Kirche folgt eine Feierstunde im Margaretensaal, zu der natürlich auch alle Gemeindeglieder herzlich eingeladen sind.

Musik aus vollem Herzen

Am 11. Juni wird Wolfgang Hensel 80 Jahre

Von Uwe Müller

[Beitrag zum 80. Geburtstag von Wolfgang Hensel im Juni 2007]

Er gehört zum Inventar der Heinersdorfer Gemeinde. Und selbst das ist noch eine Untertreibung: Seit mehr als 46 Jahren ist Wolfgang Hensel als Kantor in Heinersdorf tätig – und das auch viele Jahre nach Beginn seines offiziellen Ruhestands noch immer aus vollem Herzen und mit unverminderter Schaffenskraft.

Was Wolfgang Hensel für die Gemeinde getan und bewirkt hat, seit er durch den damaligen Pfarrer Eberhard Krätschell 1961 nach Heinersdorf geholt wurde, lässt sich mit Worten und Zahlen kaum ermessen. Die ungezählten großen und kleinen Konzerte, ein vielfaches an Chor- und Orchesterproben, Chorfahrten, Einzelunterricht, der tausendfältige sonntägliche Orgeldienst – all das gibt nur einen vagen Einblick in das, was zu Recht ein Lebenswerk genannt wird.

Wer Wolfgang Hensel kennt, weiß um seine Ausstrahlung und seine Fähigkeit, Menschen zu begeistern – für die Musik und die darin enthaltenen Botschaften. Über die Konzerte, aber auch über die zumeist eher gemeindefernen Mitwirkenden erzielt die Kantorei mit ihrem fast durchweg geistlichen Repertoire eine beachtliche Außenwirkung. Damit begann Wolfgang Hensel lange, bevor man sich in Kirchenkreisen wieder mit dem Thema Mission befasste, das größte missionarische Projekt der Gemeinde, das bis heute andauert und seinesgleichen sucht. Dabei hat er den engen Gemeindebezug nie verloren: Die musikalische Ausgestaltung von Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen und die beiden Kinderchöre, die er leitet, nehmen einen wesentlichen Anteil der Kantoreiarbeit ein.

Als Gemeinde können wir uns glücklich schätzen, Wolfgang Hensel als Kantor unter uns zu wissen. Wir können staunen und dankbar sein, mit welchem Elan er in Heinersdorf wirkt. Anlässlich seines 80. Geburtstages laden wir am 11. Juni um 18 Uhr zu einer Andacht mit anschließender Feierstunde und Empfang in die Kirche. Dazu sind alle Gemeindeglieder und Weggefährten herzlich eingeladen!

40 Jahre und kein bisschen leise

Zum Jubiläum der Heinersdorfer Kantorei und ihres Kantors Wolfgang Hensel

Von Uwe Müller

[Beitrag zum 40jährigen Bestehen der Kantorei 2001]

Nicht, dass der Chor kein Piano singen oder das Orchester nicht auch mal ganz leise spielen könnte. Aber die Heinersdorfer Kantorei lässt auch nach 40 Jahren von sich hören, und das - ob nun forte oder pianissimo - in vollem Klang und ohne einen Grund, kleinlaut zu sein. 

Am Sonntag, dem 1. April 2001 begeht die Heinersdorfer Kantorei mit einem Festgottesdienst in der Kirche und einer anschließenden Feierstunde ihr nunmehr 40jähriges Bestehen. 

Im April 1961 fing der damals 33jährige Wolfgang Hensel als Kantor in der Gemeinde Heinersdorf an und begann mit einer für Heinersdorf völlig neuen musikalischen Arbeit. Zwar gab es hier auch vor ihm schon einen Kantor. Dessen Wirken beschränkte sich aber neben dem sonntäglichen Orgelspiel auf einen kleinen Kirchenchor, der mit dem heutigen kaum vergleichbar ist.

Als Chordirektor des Staatlichen Volkskunstensembles nach Berlin gekommen, durchlief der einstige Kruzianer Wolfgang Hensel die verschiedensten künstlerischen Positionen in der damaligen Hauptstadt der DDR, die ihn in seinen Konzertreisen auch um die halbe Welt brachten. So wurde er nach seinem Schaffen im Volkskunstensemble zum stellvertretenden Leiter der Köpenicker Musikschule, später ging er zur Schallplatte und wirkte leitend im A-cappella-Chor Berlin mit, den er auch in seiner Heinersdorfer Zeit noch weiterführte. 

Mit dem Amtsantritt Hensels sollte in Heinersdorf zumindest musikalisch eine neue Zeitrechnung beginnen - weshalb sich die Jubiläen der Kantorei seither an diesem Datum orientieren. Seinen vielfältigen und kaum zu überschauenden Beziehungsnetzen ist es zu verdanken, dass Wolfgang Hensel in Heinersdorf beileibe nicht bei null anfangen musste und von Anfang an ein musizierfähiges Ensemble beisammen hatte. Neben einigen engagierten Gemeindegliedern brachte er Chorsängerinnen und -sänger, Instrumentalisten und Solisten aus seinen früheren Betätigungsfeldern mit nach Heinersdorf, die ihm und der Kantorei zum Teil bis heute die Treue halten. Damit wurde die Kantorei das, was ihre Identität bis heute bestimmt - eine musikalische Vereinigung, die Wirken und Mitwirkende nicht auf die Gemeinde beschränkt, sondern die einen Ort für Musiker aus der ganzen Stadt bietet und auch weit über Heinersdorf hinaus wirkt. 

So brachte er schon bald, nachdem ihn der damalige Pfarrer Eberhard Krätschell nach Heinersdorf holte, das erste größere Konzert zur Aufführung es war die Bach-Kantate Nr. 1 "Nun komm der Heiden Heiland", die im Advent 1961 in der Heinersdorfer Kirche erklang. Ebenfalls bereits 1961 folgte die erste "Musik in der Christnacht" am Abend des 24. Dezember - eine Veranstaltung, die es noch heute gibt. Neben diesem versah Wolfgang Hensel weitere Höhepunkte im Kirchenjahr mit einer Art musikalischen Liturgie, die er ihrem Wesen nach aus seinen Kreuzchor-Jahren mitbrachte. "Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" am Karfreitag und die "Musikalischen Exequien" am Ewigkeitssonntag (beides von Heinrich Schütz) gehören ebenso dazu wie die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste zu Ostern, Weihnachten, Pfingsten, Kantate und Erntedank und das sommerliche Serenadenkonzert. 

1966 folgte die erste Aufführung des Bach'schen Weihnachtsoratoriums in Heinersdorf, ein Werk, das die Kantorei die kommenden Jahrzehnte begleiten und prägen sollte wie kaum ein anderes und fortan fast jedes Jahr auf dem adventlichen Konzertprogramm stand. 

In den Siebziger Jahren wurden in Heinersdorf mehr als 30 Rundfunkaufnahmen für die Evangelische Morgenfeier gemacht, die im Rundfunk der DDR übertragen wurden und die Heinersdorfer Kantorei zumindest in Berlin weithin bekannt machte. 

Prägend war und ist die Zusammenarbeit mit anderen Chören, die sich vor allem auf persönliche Kontakte des Kantors zu Kollegen aus der ganzen Stadt und auch aus dem Umland Berlins stützte. So kam es zu gemeinsamen Aufführungen mit der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde, der Kantorei Friedrichsfelde, der Lichtenberger Erlöser-Kantorei, der Kantorei Alt-Pankow und vielen anderen. Es fanden Aufführungen im Berliner Dom, in Karlshorst, Königs Wusterhausen und in Rheinsberg statt. 

Später wurden aus Platzmangel alle großen Aufführungen in andere Kirchen verlegt - in die Gethsemanekirche, die Samariterkirche, die Pfarr- und Glaubenskirche und besonders häufig in die Sophienkirche, wo im November 1996 mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart das letzte Konzert stattfand. Seither genießt die Kantorei ein großzügiges Gastrecht in der Moabiter Heilige-Geist-Kirche, wo zuletzt vor wenigen Tagen Bachs Johannespassion zur Aufführung gebracht wurde. 

Die wohl wichtigste Partnerschaft vor allem in der Zeit bis zum Mauerfall war die mit der Kantorei der Heinersdorfer Partnergemeinde Bad Oeynhausen. Sie wurde über intensive persönliche Kontakte jahrelang getragen und bescherte neben unzähligen Erlebnissen und Ermutigungen auch für die Erweiterung des Repertoires wichtige Noten, die in der DDR praktisch nicht zu bekommen waren. 

Zur Kantorei gehört neben Chor und Orchester dem Collegium musicum auch der Kinderchor, der seit 1961 viele junge Menschen für die Musik begeistern konnte und der außer "bei den Großen" mitzusingen, auch oft selbst in Erscheinung trat. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl das jährliche Kurrende-Singen an Heiligabend. 

Zu den Höhepunkten des Chorlebens gehören die regelmäßigen Wochenendfahrten, die mehrmals jährlich stattfinden und wo neben intensiven Proben seit jeher die Gemeinschaft zwischen den unterschiedlichen Generationen - angefangen vom Kinderchor - gelebt wird und persönliche Kontakte gepflegt werden können, die während der wöchentlichen Chorproben zu kurz kommen. 

1995 und 1996 reiste der Chor nach Rom und gab dort unter anderem im Petersdom Konzerte. Ein Jahr später folgte eine Konzertreise nach Prag, und für das nächste Jahr ist eine Fahrt nach Sizilien geplant. 

In den 40 Jahren ihres Bestehens erarbeitete sich die Heinersdorfer Kantorei viele große und kleine kirchenmusikalische, aber auch weltliche Werke von Bach, Mozart, Brahms, Haydn, Händel, Schütz, Dvorák, Fauré, Mendelssohn-Bartholdy und vielen anderen. Chor und Collegium musicum brachten in hunderten von Gottesdiensten und Konzerten eine Vielzahl von Kantaten, Messen, Motetten, Streichkonzerten, Requien, Oratorien und vielem mehr zu Gehör. 

Trotz allem ist die Heinersdorfer Kantorei immer ein Laien-Ensemble geblieben, was nicht zuletzt an den überaus bescheidenen finanziellen Mitteln deutlich wird. Der Eintritt für die Konzerte war aber immer kostenlos und wird es auch in Zukunft bleiben. Befragt nach dem, was seine Arbeit in den letzten 40 Jahren besonders bestimmt hat, antwortet Wolfgang Hensel denn auch vor allem eines: Improvisation. Eine Fähigkeit, die neben den musikalischen wohl die besondere Qualität des Kantors ausmacht. 

Sein Anliegen, erzählt er, ist es, Musik zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen zu machen - derer, die zuhören und derer, die musizieren. Und damit steht er in guter Tradition mit dem wichtigsten Kirchenmusiker aller Zeiten, dessen Werke wohl auch in der Heinersdorfer Kantorei die größte Rolle spielen: Johann Sebastian Bach. 

Wenn die Heinersdorfer Kantorei am 1. April ihr 40jähriges Bestehen feiert, dann tut sie das auch mit einem Blick nach vorn. Die Konzerte für das kommende Jahr sind schon fest geplant, die Vorhaben der nächsten Zeit abgesteckt. Ans Aufhören denkt der inzwischen 73jährige Kantor noch lange nicht, statt dessen entdeckt er gerade wieder einmal seine Vorliebe für den Kinderchor. 

Mitwirkende in Chor, Kinderchor und Orchester werden übrigens jederzeit gesucht. Wer Lust hat, mit zu musizieren, ist herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizuschauen. Da kann man dann unter anderem feststellen, dass leise zu singen, gar nicht so einfach ist ...  

Aufführungen
16. März 2014,
1000 Uhr
Musik im Gottesdienst: Zum Abschied der Kantorei
(J.S.Bach: Jesu, meine Freude)
Leitung: Helga Dietrich / Wolfgang Hensel
Heinersdorfer Kirche. Eintritt frei.