Februar / März 2003

"Der Mensch sieht, was vor Augen ist,
der Herr aber sieht das Herz an."

(1. Samuel 16,7. Jahrenslosung 2003.)

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde!

Kinder fragen wir oft: "Na, was hast Du denn auf dem Herzen?" Erwachsene tun sich manchmal schwerer, ihre Wünsche zu äußern - jene Wünsche, die tiefer liegen. Bei Besuchen höre ich immer wieder: "Vor allem Gesundheit wünsche ich mir und..." - das kommt jetzt wieder häufiger - "Frieden!" Wünsche, die wir auf dem Herzen haben, die wir manchmal in einem Seufzer aussprechen, die aber auch in einem Gebet ausgesprochen werden können.

Ein anderer Wunsch, der tief aus dem Herzen kommt - meist von jüngeren Menschen formuliert, die unter dem Leistungsdruck im Berufsleben leiden: Der Wunsch nach Echtheit. Sich nicht verstellen zu müssen. In einem Klima, wo sich alles auf die Fassade konzentriert. Das beginnt schon bei Jugendlichen mit der Markenkleidung. Der Druck n' oder ool' zu sein. Sich herausheben wollen. Der Wunsch nach Ruhm und Reichtum. Und Fernsehsender, die diese Sehnsucht von Jugendlichen ausnutzen. Und Millionen von Zuschauern, denen die Rolle von Voyeuren angeboten wird und die sich darin gefallen.

Der Wunsch nach Echtheit. Das Bedürfnis, sich nicht eine Maske aufdrücken zu lassen, hinter deren Fassade der eigentliche Mensch in seiner Eigenart und Natürlichkeit verschwindet, ist sehr ernst zu nehmen. Dieses Tragen von Masken macht irgendwann krank, wenn es sich nicht auf die Faschingszeit beschränkt. Kinder spielen dieses Rollenspiel gerne im Kindergarten und in der Schule. Aber hier ist es Spiel und nicht Ernst. Dieses Spielerische können wir auch als Erwachsene wieder entdecken und dabei wieder erkennen, dass der andere - wie ich selber - innere Werte hat und dass es sich lohnt, tiefer zu blicken.

Die Jahreslosung für dieses Jahr nimmt diese Sehnsucht ernst. Man könnte fast denken, sie ist eine Antwort auf unsere heutige Mediengesellschaft, obwohl sie schon sehr alt ist und aus der Zeit des Alten Testaments stammt: Sie spricht so aktuell zu uns. "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an." (1. Samuel 16, 7).

Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Er blickt durch unsere Fassade. Er kennt uns, wie wir wirklich sind und er meint es gut mit uns.

Wir Menschen orientieren uns an dem äußeren Erscheinungsbild. Stückweise sind wir sogar darauf angewiesen. Das Wissen, dass die inneren Werte das Entscheidende sind, haben wir nicht verloren. Der gelebte Alltag aber steht im Widerspruch dazu. Wenn es in der Politik, im öffentlichen Leben und im Beruf nur noch darauf ankommt, wie jemand aussieht, nicht darauf, was er tut. Wenn Worte nicht mehr gehört werden, weil nur das äußere zählt, dann ist etwas schief gelaufen.

Das Bibelwort aus dem 1. Samuelbuch im Alten Testament hält uns einen Spiegel vor. Der Zusammenhang, in dem dieses Zitat fällt, stammt aus der Zeit, als man im alten Israel auf der Suche nach einem neuen König war. Samuel wird beauftragt, diesen zukünftigen König ausfindig zu machen und zu salben. Unter den Söhnen eines Mannes aus Bethlehem soll er diesen Kandidaten finden. Sieben Söhne werden Samuel vorgestellt. Von dem ersten Sohn ist Samuel sehr beeindruckt. Er ist groß, eine stattliche Erscheinung. Er macht eine gute Figur. Nach heutigen Kriterien wäre er wahrscheinlich sogar kameratauglich. Samuel ist schwer beeindruckt. In diesem Zusammenhang fällt das Wort: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an." Denn dieser wird nicht der neue König. Keiner von den sieben Kandidaten wird es. Einen Sohn hat dieser Mann aus Bethlehem noch. Er ist noch nicht wahlberechtigt. Draußen hütet er die Schafe. Er heißt David und wird der neue König.

Ein ganz frühes Beispiel dafür, dass für Gott nicht die äußere Fassade der Maßstab ist. Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Er nimmt uns ernst in unseren Eigenarten. Gott interessiert sich für das, was wir auf dem Herzen haben, gerade auch in diesen Tagen. Er will uns Trost zusprechen.

Ihr Pfarrer Andreas G. Kaehler

Suchen als Lebensaufgabe

Betrachtungen zum Jahr der Bibel

Ständig auf der Suche zu sein, ist ein markanter Wesenszug unserer heutigen Lebenswirklichkeit und in gewisser Weise eine Konsequenz sich auflösender Werte und Normen und des stetigen Wandels unserer Gesellschaft - Phänomenen also, die gemeinhin besonders der heutigen Zeit zugeschrieben werden. Suchen und das Bedürfnis danach ist aber eine Fähigkeit, die das menschliche Dasein schon immer als solches charakterisiert hat und insofern nicht alleinig dem Zeitgeist entstammen.

So genannte Suchmaschinen, mit deren Hilfe die Weiten des Internets durchforstet werden können, oder Stellen-, Immobilien- und Kontaktanzeigen, mit denen die Beilagen der Tageszeitungen gefüllt sind, bilden nur die Oberfläche einer Erscheinung, die nicht erst in unseren Tagen erfunden wurde. Wir suchen jeden Tag, jede Stunde unseres Lebens: Nicht nur nach dem irgendwo in der Wohnung verlegten Schlüsselbund oder nach den passenden Worten für einen Artikel im Gemeindeblatt; wir suchen nach wissenswerten Informationen, nach günstigen Angeboten oder nach einer neuen Wohnung, nach viel versprechenden Möglichkeiten und Lebenschancen. Dass Suchen zu den menschlichen Grundfertigkeiten gehört, wird übrigens dadurch besonders anschaulich, wenn man bedenkt, in wie vielen Wörtern der Alltagssprache der Wortstamm suchen steckt: Besuchen, versuchen, ersuchen, aufsuchen, untersuchen, nachsuchen, heimsuchen, ...

Die Bedeutung des Suchens für unser Leben lässt sich auch daran ermessen, dass sich ganze Berufszweige diesem Thema verschrieben haben: Angefangen von der Telefonauskunft über Agenturen zur Vermittlung von Arbeitsplätzen, Gebrauchtwaren oder Partnerschaften bis hin zum Rechtswesen, das sich ja nicht nur auf der Suche nach der Wahrheit befindet, sondern für diese auch noch Beweise finden muss. Und letztlich ist alle Wissenschaft und Forschung so etwas wie die institutionalisierte Suchbegierde des Menschen. Sie sucht nach Erkenntnissen, neuen Lösungen, effizienteren Verfahren und nach Modellen, die die Welt oder wenigstens Teile von ihr zu erklären versuchen.

Auf der Suche zu sein, hat also viel mit Neugier und auch mit dem Drang nach Bewegung und Entwicklung zu tun. Aber längst beschränkt sich das Suchen der Menschen nicht auf derlei praktische Aspekte des Lebens. Viele Menschen suchen nach mehr. Sie suchen nach Werten und nach Sinn. Sie suchen nach Antworten auf letzte Fragen und sie suchen nach sich selbst.

Wie für alle Suchanfragen werden uns auf dem "freien Markt" auch für diesen Fall viele Antworthilfen oder solche, die es nur vermeintlich sind, angeboten. Einschlägige Lebenshilfen finden sich in jedem aufgeräumten Buchladen, Horoskope wollen uns den Weg durch den Tag und durchs Leben weisen, und auch das Angebot an Spiritualität aller Art - und die Nachfrage danach - sind umfangreicher denn je.

Da mag es verwundern, dass sich ein Ratgeber, der zudem nach wie vor der mit Abstand am weitesten verbreitete ist, schon vor mehreren tausend Jahren geschrieben wurde. Nicht gerade der neueste Schrei also, und ziemlich angestaubt dazu - könnte man meinen. Die Rede ist von der Bibel. Sie erinnert mit ihrer zentralen Botschaft an eine Perspektive, die es auch gerade heute wieder neu zu entdecken gilt: Jeder Mensch ist ein Original - wertvoll und unverwechselbar. Diese Selbstverständlichkeit kommt uns im Geschäft des Alltags zuweilen abhanden. Nach ihr zu suchen wäre ein hehres Ziel nicht nur der großen Politik.

Wer das gute Stück nicht ausschließlich als Zierrücken im Bücherschrank verwendet, weiß, dass das Buch der Bücher trotz seines reifen Alters an Aktualität kaum zu überbieten ist. Und auch wer meint, die Bibel dank intensiven Studiums schon fast auswendig zu kennen, wird sich zuweilen wundern, doch immer noch etwas Neues darin zu entdecken. So ging es einst schon Martin Luther: "Ich hab nun 28 Jahr, seit ich Doktor geworden bin, stetig in der Biblia gelesen und daraus geprediget, doch bin ich ihrer nicht mächtig und find' noch alle Tage etwas Neues drinnen.").

2003 ist das Jahr der Bibel, und es trägt das sinnfällige Motto "Suchen. Und Finden." Natürlich ist eine solche Aktion, die von allen christlichen Kirchen Deutschlands getragen wird, nicht notwendig, damit wir in unserer Gemeinde endlich mal wieder die längst vergessene Heilige Schrift aus dem Archiv hervorholen: Wir lesen in ihr in jedem Gottesdienst, hören Predigten, beten Psalmen und diskutieren die Texte im Bibelkreis und vielen anderen Gemeindekreisen.

Das Jahr der Bibel soll aber - auch in der öffentlichkeit - einmal ein besonderes Augenmerk auf die Bibel richten und dazu beitragen, die Bibel als Wegweisung zum Leben den Menschen in zeitgemäßen Formen neu zu erschließen. Dazu sind zahlreiche Aktionen und Projekte geplant: Veranstaltungen und Gottesdienste, eine durch Deutschland tourende Bibel-Box, Fernseh- und Radiosendungen, ein Bibel-Magazin und vieles mehr.

Auch wenn vieles davon eher "nach außen" gerichtet zu sein scheint, also das eher kirchenfernere Publikum ansprechen will, lohnt es sich bestimmt für jede und jeden, das Jahr der Bibel zum Anlass zu nehmen, selbige mal wieder zur Hand zu nehmen und beim Lesen darin neue und vielleicht unerwartete Entdeckungen zu machen - auch dann, wenn man nicht gerade auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist ...

Uwe Müller

Die Bibel ist nach wie vor mit großem Abstand das meist verbreitete Buch der Welt.
Seit 1815, so das Guinness-Buch der Rekorde, wurden rund 2,5 Milliarden Exemplare der Bibel weltweit abgesetzt.
Neben der Verbreitung wird auch die Anzahl der übersetzungen der Bibel von keinem anderen Buch der Weltliteratur auch nur annähernd erreicht.
In 392 Sprachen war im Jahr 2001 eine komplette Bibel erhältlich. Das Neue Testament gibt es gar in 1.012 Sprachen.
Insgesamt, so die Statistik des Weltbundes der Bibelgesellschaften mit Sitz in Reading (Großbritannien), lagen im Jahr 2001 Bibeltexte in 2.287 Sprachen vor.



Informationen zum Jahr der Bibel:
Geschäftsstelle
2003. Das Jahr der Bibel.
Balinger Straße 31
70567 Stuttgart
Fon 0711/782848-0
Fax 0711/782848-20
Internet: http://www.2003dasjahrderbibel.de
Email: info@2003djdb.de

Gottesdienst zum Weltgebetstag: Freitag, 7. März, 1930Uhr

Wie alle Jahre feiern wir auch in diesem Jahr den Gottesdienst zum Weltgebetstag in Heinersdorf. Er wird ehrenamtlich von Frauen der Gemeinde vorbereitet und gestaltet.

Die Weltgebetsordnung 2003 kommt aus dem Libanon, aus einem Land voller Schönheit und Widersprüche, wo Orient und Okzident sich begegnen. Libanesische Christinnen laden uns ein, mit ihnen um die heilende und aufrichtende Kraft des Heiligen Geistes zu bitten. "Heiliger Geist, erfülle uns" ist der Titel, ist die Bitte, ist der Schrei, der die ganze Liturgie durchzieht.

Der Libanon mit seinen vier Millionen Einwohnern und 18 anerkannten Religionsgemeinschaften - knapp 40% davon christlich - wurde 1975 bis 1989/90 von einem politisch-religiösen Bürgerkrieg erschüttert. So wird die aktuelle Situation dieses Landes von den Folgen des Bürgerkrieges und der Besatzung bestimmt. Eine hohe Staatsverschuldung und Korruption sind die Hauptursachen der wirtschaftlichen Krise, die viele gut ausgebildete Libanesinnen zur Auswanderung drängt.

Große Probleme verursacht auch die Umweltverschmutzung, die durch Industrie- und Konsumabfälle hervorgerufen wird. Die Konflikte im Nahen Osten erschweren auch im Libanon die Rückkehr zu Stabilität und Sicherheit.

Am 7. März wollen wir uns singend und betend mit den Frauen aus dem Libanon verbunden fühlen.

Gisela Nowitzki