September / Oktober / November 2002

"Ich will jubeln ber den Herrn und mich freuen ber Gott, meinen Retter."
Habakuk 3, 18. (Monatsspruch September)

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde,

wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Auf den bekannten Schriftsteller Erich Kstner ("Emil und die Detektive) geht der Ausspruch zurck: "Die Zeit rennt nicht, die Zeit fhrt Auto." 

Es geht also sehr schnell. Die Zeitungen sind immer voll mit Nachrichten. Ebenso die Nachrichtensendungen im Fernsehen. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass der Sprecher in der Tagesschau um 20 Uhr sagte: "Meine Damen und Herren, unsere Sendung dauert heute nur 2 Minuten, weil es nichts Wichtiges zu berichten gibt. Da wir kleine Dinge nicht zu einer groen Sache aufbauschen wollen, haben wir uns dazu entschieden. Wir bitten um Ihr Verstndnis."? Wir wrden uns darber sehr wundern. Wir werden mit Bildern berflutet. 

Ebenso schnell vergessen wir alles das wieder. Das kann sich ja niemand merken. Dabei verblassen aber auch die einschneidenden Ereignisse, welche von groer Bedeutung sind. 

Im August wurden wir berrascht von den verheerenden Hochwassern und berschwemmungen. Zunchst in Tschechien und Sddeutschland. Dann in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Immer neue berflutungsregionen kamen hinzu. Die Fernsehbilder aus Dresden und von den kleinen Drfern waren erschtternd. Todesopfer waren zu beklagen. Kirchen, Kunstschtze und gerade frisch rekonstruierte denkmalgeschtzte Gebude waren zerstrt. Etwa in der Altstadt von Grimma. Der Dresdener Zwinger und die Semperoper standen unter Wasser. Berichte, wie versucht wurde, wertvolle Gemlde aus den vollaufenden unterirdischen Depots des Museums zu holen, gingen um die Welt. Dazu haben unzhlige Familien ihr Hab und Gut und ihr eigenes Huschen verloren. Unzhlige menschliche Schicksale hngen an solch einem Ereignis. 

Die Bereitschaft zu helfen war gro. Auch die Kirchengemeinden und kirchliche Hilfseinrichtungen haben hier wichtige Dienste geleistet. Das Ausma der Schden wird erst dann sichtbar, wenn das Wasser wieder zurckgegangen ist.

Angesichts dieser neuen Nte und dem schwierigen Wiederaufbau geraten die Bilder vom 11. September 2001 fast in Vergessenheit. Es ist gerade ein Jahr her, dass die beiden entfhrten Verkehrsmaschinen in beide Trme des World Trade Center gelenkt worden waren. An jenem Abend hatte ich meine erste Bibelstunde in unserer Heinersdorfer Gemeinde. Die Betroffenheit war gro. Uns blieb nur, in einer Andacht an die Opfer zu denken und die Glocken zu luten. Ich muss zugeben, dass es mich betroffen macht, dass von der damaligen Stimmung offensichtlich nicht viel geblieben ist. Wir Menschen vergessen schnell in dieser schnelllebigen Zeit. Die Zeit scheint wirklich Auto zu fahren oder Concorde zu fliegen. Immer neue Schreckensmeldungen brechen ber uns herein.

In dieser Situation mchte ich kurz innehalten und den Monatsspruch des Monats September zitieren. Dort heit es: "Ich will jubeln ber den Herrn, und mich freuen ber Gott meinen Retter." (Habakuk 3, 18.)

ber die Ereignisse, von denen ich hre, kann ich ganz gewiss nicht jubeln. Da bleibt nur Trauer und Mitgefhl. Wobei dabei zu bercksichtigen ist, dass die Verursacher der Katastrophen oft Menschen sind. Es sind Menschen, die Terrorakte begehen. Die zunehmende Erderwrmung, welche zu berflutungen fhrt, wird nach Meinung vieler Klimaforscher durch den Menschen verursacht. Das Entsetzen ber die Folgen wird dadurch nicht geringer. Der Vers aus dem alttestamentlichen Propheten klingt wie ein Kontrastprogramm. Das "andere Fernsehprogramm". Dabei hatte Habakuk eine entsetzliche Katastrophe vor Augen. Er dachte an die Verwstungen, welche die Babylonier hinterlassen hatten, und an all die Ermordeten und Verschleppten. Habakuk denkt also an noch schlimmere Ereignisse und dichtet trotzdem diesen Vers. Seine Freude ber Gott lsst er sich nicht nehmen. Im Glauben sieht er die Rettung. Er freut sich so ber Gott, wie man sich ber einen Retter freut, der einen gerade noch vor dem Ertrinken bewahrt oder rechtzeitig aus den Trmmern des Hauses herausgeholt hat.

Habakuk behlt seinen Glauben und seine Freude ber Gott auch in einer sehr schwierigen Zeit. So ist dieser Monatsspruch ein trstendes Wort - selbst angesichts der Fernsehbilder, die in unsere Wohnzimmer flimmern. Er ldt uns ein, diesen Trost anzunehmen und da zu helfen, wo wir helfen knnen. 

Ihr Pfarrer Andreas G. Kaehler