September / Oktober / November 2001

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde!

Noch die wärmenden Sonnenstrahlen des Sommers genießend, wandern meine Gedanken beim Lesen der Monatsnamen für diese Ausgabe bereits in eher herbstliche Gefilde. Sicherlich erleben auch Sie die diesjährigen Urlaubserlebnisse noch einmal in Fotografien oder Videofilmen nach, so mancher freut sich, dass sein Urlaub in der Nachsaison noch bevorsteht. Doch werden die Tage bereits kürzer, und so kann einem schon der Gedanke an die trübere Jahreszeit den Schwung für die bevorstehende Zeit nehmen.

Wie glücklich kann sich unsere Gemeinde schätzen, dass mit dem ersten Tag des Monats September ein neuer Pfarrer sein Amt in Heinersdorf antreten wird. Denn ganz so selbstverständlich ist es heute leider nicht mehr, dass eine Gemeinde einen Anspruch auf einen Pfarrer hat. Das Jahr in Pfarrvakanz war gefüllt mit vielen neuen Aufgaben, die von Gemeindegliedern übernommen werden mussten. Hierzu berichtet Herr Pescheck in einem gesonderten Artikel. 

Pfarrer Kaehler wird das bis zum letzten Sommer von Pfarrer Lück geführte Amt übernehmen und mit seiner Familie in das Pfarrhaus einziehen. 

Wird sich das Gemeindeleben nun verändern? An dieser Stelle sei jedem versichert, dass es den Gottesdienst auch weiterhin sonntags um 10 Uhr geben wird, und auch unsere christlichen Festtage noch so fallen werden, wie sie es seit Jahren tun. Sicherlich wird sich aber mit einem neuen Pfarrer auch das Gesicht der Gemeinde etwas verändern. Eine neue Erscheinung während der Predigt auf der Kanzel (darauf konnten wir uns bereits einstimmen), eine neue Stimme, eine neue Pfarrfamilie in der Gemeinde, Erfahrungen aus anderen Kirchgemeinden die in unsere Gemeinde herein-getragen werden. Sich darauf einzulassen und diese neue Situation in der Gemeinde zu nutzen, dazu möchte ich einladen und ermutigen. So wurde auch Herr Lück kurz nach Amtsantritt als Pfarrer, der sich in Gummistiefeln im Pfarrgarten betätigte, kritisch beobachtet. Was sich aus diesen ersten prüfenden Blicken entwickelt hat, ist uns allen noch in naher Erinnerung.

Auch die bevorstehende Wahl des Gemeindekirchenrates im Oktober bietet die Möglichkeit, sich für unsere Gemeinde einzusetzen und das Gemeindeleben mitzugestalten. 

So wünsche ich uns allen einen interessanten Neuanfang, sowie Pfarrer Kaehler und Familie einen guten Start in das Heinersdorfer Gemeindeleben.

Ihr Sebastian Schütz

Mama, ich zeig dir mal meinen neuen Kindergarten

Mama wird an die Hand genommen, und beide ziehen los. Die Kinder erweisen sich als kompetente Experten für Hausbesichtigungen. Wir waren alle sehr gespannt, wie sie auf die veränderten Räume reagieren würden. 

Sie erinnern sich? Ah, ja, die Umstrukturierung zur offenen Arbeit, nachzulesen im letzten Gemeindeblättchen. 

Wie gut, dass wir die erste Woche nach der Schließzeit langsam angehen konnten. Viele Kinder befanden sich noch in den Ferien. So konnten wir intensiv beobachten und selbst die Räume in Besitz nehmen, vervollständigen und Korrekturen vornehmen. Im ersten Morgenkreis wanderten wir von Raum zu Raum und verweilten in jedem. Die Kinder erspürten sofort die spezielle Funktion. 

Um mit dem Ruhe- und Schlafraum vertraut zu werden, verwandelten wir uns in ein leises Tier. Die Kinder suchten sich dafür den Grashüpfer aus. Also ging es nach oben, Schuhe ausziehen, und dann kam ein langes gedehntes "cool" aus Jans Mund. Die Augen wurden immer größer, die blaue Tapete tat ihre Wirkung und verbreitete eine meditative Stimmung. 

Nun kam der spannende Augenblick: Welche Kinder entscheiden sich für welchen Raum? Wir dachten, dass die Jüngsten aus alter Gewohnheit nach oben traben. Aber nicht Lukas. Er blieb die ganze Zeit im Bewegungsraum und arrangierte sich mit den großen Jungen, mit Pascal und Jan. Nathalie kam später. Sie entschied sich auch für diesen Raum, blieb aber erst lange sitzen und beobachtete. Nils und Friedrich, Friederike, Henriette, Lena und Annika vergnügten sich im Wohnbereich, saßen im Liegestuhl, kochten, gingen einkaufen, zogen Puppen an und aus, räumten Geschirr vom Schrank auf den Tisch und umgekehrt. Albert verzog sich in die große Bauecke und blieb dort eine lange Zeit.

Am ersten Tag wechselten die Kinder den zuerst gewählten Raum so gut wie gar nicht, sie kosteten ihn aus. Keiner wollte, wie sonst bei dem Sommerwetter, raus auf den Spielplatz. Orientierungsschwierigkeiten gab es keine, auch keine Rennerei durch alle Räume. 

Jetzt kam uns unsere lange Erarbeitungsphase zugute. Die Kinder erlebten schon vor der Schließzeit den Umzug des Büros und die Renovierung der zukünftigen Cafeteria. Kartons standen überall herum und füllten sich. Eltern und Kinder halfen kräftig mit. Und immer wieder wurde vom "neuen" Kindergarten geredet. 

Ich bin dankbar für die hohe Motivation einer jeden und eines jeden und über das zügige Tempo. Ich denke, wir haben dadurch auch eine neue Qualität der Zusammenarbeit gewonnen, sind miteinander gewachsen, eben eine große Familie. Nun müssen wir mit einer Erprobungszeit von ungefähr zwei Jahren rechnen. Wir werden Sie an unseren Erfahrungen teilhaben lassen. Am besten, Sie schauen mal zu uns herein. 

Hildegard Dietrich

Ein Jahr Vakanzzeit in Heinersdorf

In einem alten sächsichen Witz bewirbt sich ein stellungsloser Pfarrer beim Arbeitsamt um Arbeit. Der Beamte fragt ihn: "Was machen Se denn so?" Der Pfarrer antwortet: "Nu, haubdsächlich bredchen." Darauf der Beamte: "Warum sachn Se denn nisch glei, dass Se Begger sin?" Der Witz reflektiert ziemlich genau die Vorstellung, die viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche haben: Der Pfarrer predigt am Sonntag, hin und wieder gibt es eine Taufe, eine Konfirmation, eine Hochzeit oder eine Beerdigung, und das war´s dann auch schon.

Eine Herde weis ihren Hirten erst richtig zu schätzen, wenn sie keinen mehr hat, also "verwaist" ist. Dieser Zustand - übertragen auf die Gemeinde - heißt Vakanz (erledigte, freie Stelle) und dauerte in unserer Gemeinde genau ein Jahr.

Vakanzzeit bedeutet für eine Gemeinde und ihren Kirchenrat sowohl Belastung und Bewährung als auch Chancen. Die Belastungen ergeben sich im wesentlichen aus dem Teil des Aufgabenkreises eines Gemeindepfarrers, der oft gar nicht recht wahrgenommen wird. Ich nenne hier nur: Die Verantwortung für die Gottesdienstvorbereitung sowie die Gemeindekreise und Veranstaltungen, Finanzen und Bautägkeit, Kirchenreinigung und Winterdienst, Besuchsdienste, vielfältige Verwaltungsarbeiten, Gemeindeblatt, Altarschmuck.

Naturgemäß ist zuallererst der Gemeindekirchenrat gefordert, denn in vielen Fällen sind Entscheidungen notwendig, die nur von diesem Gremium - in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen im Kirchenkreis (Kreiskirchenrat, Superindendent und Vakanzverwalter) - gefällt werden können. Darüber hinaus müssen aber auch die Talente und Gaben in der Gemeinde, von denen Paulus im Römerbrief spricht, entdeckt und genutzt werden, übrigens auch außerhalb der Vakanz. Viel kann davon abhängen, wie dieses gelingt.

In den vorausgegangenen Zeilen habe ich indirekt schon von zwei der Chancen gesprochen, die die Vakanzzeit der Gemeinde bietet: Das Entdecken und Nutzen ihrer eigenen vielfältigen Gaben und Fähigkeiten sowie das bessere Kennenlernen der Aufgaben ihres Pfarrers. Aber etwas ist mir in dieser Zeit besonders wichtig geworden: Der Reichtum und die Vielfalt der Predigttextauslegung durch die vielen Gottesdienstvertretungen. Dabei ist mir sehr bewusst geworden, welches geistige Potential, welche Fülle an geistlichen Erkenntnissen und Weisheit die Kirche in ihren "Ruheständlern" hat. Ich musste mich nicht selbst - was ich sonst regelmäßig tue - unter andere Kanzeln setzen um "neue" Pfarrer zu hören; nein, sie kamen ja selbst zu uns auf unsere Kanzel, um uns die Bibel auf ihre Weise und aus ihrer Sicht auszulegen! Schön war auch die Möglichkeit, einen Predigttext in kurzem Abstand zweimal zu hören: Zunächst von einen angehenden Theologen, der seine Examenspredigt zur Probe bei uns hielt, danach von einem gestandenen Pfarrer.

Nun haben wir einen neuen Pfarrer, und darüber freue ich mich natürlich wie die ganze Gemeinde. Aber ich bin auch dankbar für die Erfahrungen der Vakanzzeit und möchte diese nicht missen.

Als altes Heinersdorfer Schaf wünsche ich meinem zukünftigen Hirten Gottes Segen bei der Betreuung seiner neuen Herde. 

Gottfried Pescheck