Juni / Juli / August 2001

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde!

Stellen Sie sich vor, Sie würden von einem Kollegen, einer Nachbarin oder einem Freund ganz unvorbereitet gefragt, was wir denn eigentlich zum Pfingstfest feiern. Was würden Sie ihm oder ihr auf die Schnelle antworten? 

Mit Weihnachten und Ostern ist das ja noch einfach. Da steht Jesus im Mittelpunkt. Der war ein Mensch wie wir, und das kommt unserer Vorstellungskraft durchaus entgegen. Die Geschichte von der Geburt, dem Tod und der Auferstehung Jesu lässt sich denn auch einem Bibel-"Laien" anschaulich erzählen. 

Aber wie ist das mit Pfingsten? Da taucht plötzlich der Heilige Geist auf, und mit dem haben wir ja so unsere Schwierigkeiten - zumindest, wenn wir uns darunter etwas konkretes vorstellen wollen: Niemand hat ihn je gesehen, es gibt kein Bild von ihm, in Erscheinung tritt er allenfalls durch sein Wirken - davon wird in der Bibel nicht nur beim Pfingstwunder erzählt. 

Der Apostelgeschichte zufolge wurden die Jünger Jesu zu Pfingsten, während sie gerade in einem Haus beieinander saßen, vom heiligen Geist erfüllt. Angekündigt hat er sich mit Himmelsbrausen, Wind und Feuerzungen. Und die Jünger wurden aus ihrer Lethargie gerissen, stürmten aus ihren engen Räumen hinaus ins Freie, um den Menschen von Gott und Jesus zu erzählen. Sie hatten plötzlich Mut bekommen, und sie wurden verstanden. Ein richtiges Wunder. 

Der Heilige Geist verkörpert hier Lebhaftigkeit und Freude, ja Energie, Frische und Begeisterung. Die Jünger waren nicht nur vom Heiligen Geist erfüllt, sie waren so sehr von ihrer Sache begeistert, dass sie andere Menschen mitreißen konnten und dass aus einem Häufchen versprengter Christen (die sich damals sicherlich noch gar nicht so nannten) eine große und schnell wachsende Gemeinschaft entstand. 

Deshalb wird Pfingsten häufig auch als der Geburtstag der Kirche bezeichnet. Das wäre zumindest eine griffige Antwort auf die eingangs gestellte Frage unseres lieben Kollegen. Dass sie den kritischen Fragenden auch wirklich zufriedenstellt, mag bezweifelt werden. Denn gemessen an der Beschreibung des Pfingstwunders in der Bibel und nach allem, was man von Geburtstagsfeiern sonst so kennt, geht es bei uns zu Pfingsten nicht gerade fröhlich und begeistert zu. 

Haben wir den Geist etwa verloren? Oder hat der Heilige Geist gar sein Wirken eingestellt? 

Sicherlich nicht. Wahrscheinlich müssen wir uns ihm aber auch ein Stück weit öffnen. Und ganz bestimmt sind es nicht immer Feuerzungen, die den Heiligen Geist bei seinem Wirken begleiten. Vielleicht also wirkt er manchmal gerade dann, wenn wir es am wenigsten vermuten, ganz sanft und unspektakulär - wenn uns zum Beispiel ein Geistesblitz kommt oder wenn wir einem geistreichen Menschen begegnen.

Und trotzdem möchte ich das Bild von der fröhlichen Geburtstagsfeier, von der die Eingeladenen nachher mit Begeisterung erzählen können, nicht zur Seite drängen. Eingeladen sind wir alle, und Grund zum Feiern gibt es genug, auch wenn es in diesem Jahr in Heinersdorf leider erstmals keine Konfirmation gibt. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein fröhliches Pfingstfest. 

Ihr Uwe Müller

Das Pfingstfest ist übrigens wesentlich älter als das Christentum. Wie Ostern auch hat es seine Wurzeln im alten Testament. Pfingsten geht auf das jüdische Wochenfest zurück, das als Erntefest und zum Gedenken an die Offenbarung der zehn Gebote sieben Wochen nach dem Passafest begangen wurde. Und diesem zeitlichen Abstand hat das Pfingstfest auch seinen Namen zu verdanken. Griechisch sprechende Juden nannten es "pentekoste", was so viel wie 50. Tag heißt. Davon ist das deutsche Wort Pfingsten abgeleitet.

Neues aus dem Kindergarten

In unserem Leben nehmen wir nicht nur uere Ortswechsel vor, sondern auch innere - wir ziehen um.

Da spren wir, eine Vernderung bahnt sich an, unser Wahrnehmungsvermgen, unsere Reflexionsfhigkeit zeigen uns die Richtung und drngen uns loszugehen.

Genau das geschieht seit vielen Wochen im Kindergarten, und auf dem Richtungsschild steht: OFFENE ARBEIT.

Ich hre Sie fragen: "Was ist denn das? Und warum soll das pdagogisch sinnvoll sein?"

Es gibt viele Varianten der offenen Arbeit, jeder Kindergarten muss sich dabei seine eigene Form erarbeiten. Die Erarbeitungsphase ist bei uns so gut wie abgeschlossen. Wir diskutierten uns in den 14tgigen Dienstbesprechungen hei, Ideen sprudelten, wurden wieder verworfen, neue Gedanken entstanden. Wir hospitierten in Einrichtungen, lieen uns beraten. Die Entwicklung des theoretischen Konzeptes nahm konkrete Formen an. Jetzt heit es, diese praktisch umzusetzen.

Jedem Kindergartenraum ist eine spezifische Funktion zugeordnet. Er enthlt also nicht mehr alles, was Kinder gern tun. So gewinnen wir Platz und neue Mglichkeiten. Jede, jeder von uns kennt das Bewegungsbedrfnis der Kinder. Wrden wir ihnen eine Kilometeranzeige im Schuh einbauen, wrden sie alle Rekorde schlagen. In der Regel blockieren die Rumlichkeiten mehr, weil einfach zu viel Mobiliar den Platz schluckt, insbesondere Tische und Sthle. Der groe Hortraum ist wie geschaffen zum Hopsen, Springen, Laufen, Klettern,... Eine Sprossenwand, eine lange Bank gibt es schon, anderes kommt hinzu. Wenn Sie sich an Ihre eigene Kindheit erinnern, fllt Ihnen bestimmt einiges ein.

Mutters Stckelschuhe, der groe Hut, das alte Jackett, die Pumphose - alles lsst sich zum Verkleiden benutzen, dazu Spiegel, jede Menge Tcher, eine Truhe zum Kramen - sehen Sie sich als Kind davon stolzieren?

Nicht nur Jungen bauen gern - in die Hhe, in die Lnge, in die Breite. Oft sind Grenzen wegen des Platzmangels gegeben, andere Kinder steigen darber, stoen an, und schon gibt es Tumult und Geschrei. Im groen Raum oben mit dem Dachfenster soll es keine Grenzen geben. Hier soll groflchig gebaut werden knnen, auch Hhlen und Tunnel.

Im Raum davor stehen Tische, an den Wnden Regale mit Bchsen, Flaschen, Krben, Kisten. Unterschiedliche Papiere und Stifte, Pinsel, Korken, Farben, Kreide, ste, Schnre, Scheren, Klebstoff laden zum Gestalten ein.

Bei so viel Aktivitt mchte sich das eine oder andere Kind gern zurckziehen, in Ruhe ein Bilderbuch begucken, eine Geschichte hren, Kuscheln oder trumen, alles das, was eine ruhige Atmosphre erfordert. Dazu gehrt auch der Mittagsschlaf. Der jetzige Schlafraum wird diese Wnsche erfllen.

Fr Vater-Mutter-Kind-Spiele einschlielich Einkaufsmglichkeiten und hnlichem wird der Spatzenraum bleiben, also ein gemtlicher Wohnbereich.

Der Raum neben der Kche, zur Zeit noch Bro, wird als Cafeteria eingerichtet. Das Bro samt ungeliebter Akten verschwindet im kleinen Raum neben dem Regenbogenraum.

Eine Werkstatt, Platz fr Schularbeiten, fr Brettspiele bzw. Tischspiele sind natrlich ebenfalls vorgesehen.

So knnen die Kinder am Ende des Morgenkreises whlen, welches Angebot sie in welchem Raum nutzen wollen. Aber dazu mehr im nchsten Gemeindeblttchen.

Jetzt wird erst einmal Schritt fr Schritt gesichtet, sortiert, gerumt, gemalert, gestaltet und immer wieder berlegt und korrigiert.

Hildegard Dietrich

Kirche(n) im Urlaub

"Man muss die Kirche im Dorf lassen", natrlich. Das Auto ist voller Gepck und Proviant, auf dem Dach stehen schon die Fahrrder, kein Platz also fr die Kirche. Auerdem wird sie ja im (Heiners)-Dorf noch gebraucht. Aber im Handschuhfach findet sich sicher noch ein Pltzchen fr die Herrnhuter Losungen, ein Gesangbuch und eine Handbibel; wir sollten sie nicht vergessen! Ein kleiner Sprachfhrer kann natrlich sehr hilfreich sein.

Zunchst einmal will ich bekennen, dass ich ein "Inselnarr" bin. Seit ich 1992 das erste Mal in Bornholm mit seinen wunderbaren und einzigartigen Rundkirchen "an Land ging", komme ich von den kleinen dnischen Inseln - und seinen Kirchen - nicht mehr los. Im zehnten Jahre dieser "Liebe" soll es, zum dritten Mal, die kleine Kattegatinsel Sams sein. Ein richtiger Urlaub beginnt fr mich auf einer Fhre: Wenn diese - endlich - ablegt, versinkt mit dem Festland langsam auch alle Hektik der Vorbereitung, der langen Anfahrt inkl. Staus, der Sorge um das rechtzeitige Erreichen der Fhre und der Einschiffung. Dann aber der Blick nach vorn, das Auftauchen des Urlaubszieles in der Ferne, eines Kirchturmes. Er ruft mir zu: "Ich, die Kirche, bin schon hier, ich erwarte Dich mit offenen Tren - Du musst nur kommen; Du kannst zur Ruhe kommen, diese oder eine andere Kirche besuchen, Gott fr die bewahrte Reise danken, zum Gottesdienst gehen." 

Die kleinen, uerlich schlichten Kirchen auf den dnischen Inseln stehen meist zwischen den Ansiedlungen, auf einer Anhhe inmitten eines von Feldsteinmauern umgebenen und wunderbar gepflegten Friedhofes mit hellen Kies- oder Marmorsplittwegen, die oft von duftendem Lavendel eingefasst sind. Sie laden mit ihren weien oder pastellfarbenen Mauern, den mit charakteristischen Treppengiebeln versehenen Trmen und roten Ziegeldchern, die weit ber die Insel zu sehen sind, zum Besuch, zum Innehalten und zum Gottesdienst ein. Leuchtend gelbe Rapsfelder oder reife Kornfelder geben ihnen, im Zusammenklang mit dem intensiven Blau des Inselhimmels, einen unvergleichlichen Rahmen.

Die Kirchen sind innen ebenso schlicht wie schn, meist dominiert von einem geschnitzten und reich vergoldeten Flgelaltar und einer alten steinernen Taufe, Gesthl und Kanzel sind im Bauernbarockstil gestaltet und bemalt. Auf die allgegenwrtige See weisen Schiffsmodelle zwischen den Kronleuchtern sowie Gemlde von Schiffen im Sturm oder Strandungen hin: Dankbezeugung fr gndige Bewahrung auf See oder Rettung aus Seenot. Fr einen Protestanten berraschend sind die oft anzutreffenden siebenarmigen Leuchter und Beichtsthle aus nachreformatorischer Zeit (17./18. Jh.). Sie symbolisieren - fr mich - Wurzeln und Kontinuitt christlichen Glaubens in unaufdringlicher, aber sehr eindrucksvoller Weise. 

Der Altarraum selbst ist von einer halbkreisfrmigen, etwas mehr als kniehohen Chorschranke umgeben. Ihre besondere Funktion wird erst im Gottesdienst erkennbar. Doch damit bin ich schon bei meinem eigentlichen Thema: Kirche als Gemeinschaft aller Christen, unmittelbar erlebbar im Gottesdienst. Lassen Sie sich also sehr herzlich zum Gottesdienst im Urlaub einladen!

Die "Hauptstcke" (Luther) des evangelischen Gottesdienstes - Gemeindegesang, Lesungen, Gebete, Glaubensbekenntnis, Predigt, Abendmahl und Segen - werden in Dnemark von einer protestantisch kargen Liturgie zusammengefasst. Neben dem Pfarrer mit "hanseatischer Halskrause" (Wagenrad) und dem Organisten gestaltet ein "Kantor" den Gottesdienst mit. Er fhrt, vor der Gemeinde stehend und zu ihr gewandt, den Gemeindegesang. Das Gesangbuch enthlt auer den eigenstndig dnischen auch viele uns aus unserem Gesangbuch (und dem der bhmischen Brdergemeinde) vertraute Lieder, aber keine Noten. Die dnischen Lieder haben aber sehr eingngige Weisen und meist viele Strophen, die alle gesungen werden; nach zwei oder drei Strophen kann man sie ziemlich problemlos mitsingen. Singen Sie ruhig die Ihnen bekannten Lieder in deutsch und die dnischen in der Sprache, die Sie fr dnisch halten: Niemand wird sich nach Ihnen umdrehen; im besten Fall bekommen Sie - wie ich einmal in Sams - vom Kster nach dem ersten Versuch diskret eine deutsche Fassung der Liturgie gereicht. 

Gesprochene Texte (Lesungen, Gebete) versteht man, auer einzelnen Worten wie "Jesu Christ" und "Amen" nicht, obwohl man geschriebenes Dnisch ziemlich problemlos lesen und sinngem verstehen kann. Man sollte sich einfach dem Geschehen hingeben, Glaubensbekenntnis und Vaterunser in Gedanken mitbeten und sich dabei bewusst werden, dass gleichzeitig berall auf der Welt - auch in Heinersdorf - Christen beieinander sind. 

Die kurze Predigt bietet die wunderbare Chance zur Meditation: Wir mssen nicht passiv einer Textauslegung vom "Profi" folgen, sondern knnen uns selbst aktiv mit dem Text auseinander setzen, begleitet von einer wundervollen Sprachmelodie. Es kann dabei sehr hilfreich sein, die Lieder, Lesungen und den Predigttext vor dem Gottesdienst "herauszubekommen" - die Zeit und den Ideenreichtum dazu haben Sie ja - und die Texte zu lesen (auch deshalb Gesangbuch und Bibel als Reisegepck!). 

Das Abendmahl empfngt die Gemeinde vor der Chorschranke kniend. Vor jedem Gast am Tisch des Herrn steht ein kleiner Kelch, in den der "Prester" etwas Wein eingiet: "Christi Blut, fr Dich vergossen". (Ich wei es ja: Wir singen "Aus einem Kelche trinken alle Glieder, Schwestern und Brder"; aber das ist fr mich kein Widerspruch, sondern eine persnliche Zusage, wie auch die Zusage "Christi Leib fr Dich gebrochen").

Nach dem Gottesdienst ergeben sich oftmals Gesprche. Aber auch dieses ist "Gemeinschaft aller Christen":

Im Supermarkt begrt mich an einem der nchsten Tage ein sehr distinguiert wirkendes Ehepaar (Mercedes, HH-xxxx,) freundlich: Wir haben uns im Gottesdienst gesehen. Lassen Sie sich also einladen von der "Kirche"!

Gottfried Pescheck