April / Mai 2001

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde!

In den Wochen vor dem Osterfest begegnet uns der Leidensweg Jesu. Zum einen in den Gesprächskreisen, im persönlichen Nachdenken oder auch im Fasten, das heute sehr individuelle Züge angenommen hat. Der Verzicht auf einen alltäglichen Genuss: heute einmal ohne Fernsehen, sieben Wochen ohne Süßigkeiten, aber auch der Verzicht auf persönliche Freiheiten - jetzt bin ich einmal für andere da, wofür ich mir sonst keine Zeit nehmen kann. Die Passion bewegt auch heute unser christliches Leben, denn wegzudenken ist das Leiden Christi nicht. Wie gut ist es zu wissen, dass wir dann selbst entscheiden können, wann unsere uns selbst auferlegte Passion endet, und wie gut ist es zu wissen, dass das, was uns umgibt nicht selbstverständlich ist. 

Der Passion Christi folgt seine Auferstehung. Und für einen Moment scheint es, als würden Jesu Jünger und Anhänger selbst im Dunkel stehen. Unbegreiflich erscheint Ihnen, was sich in den letzten Tagen zugetragen hat: Verrat, Leidensweg, Kreuzigung. Und dann:

Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben (Joh. 20, 2). 

Unweigerlich fällt mir bei diesen Worten der langsam die Medien verlassende Mordfall der Ulrike aus Eberswalde ein. Den Eltern wird die Tochter aus dem Leben genommen, sie ist einfach weg. Es folgt das tagelange Warten und Hoffen auf ein Lebenszeichen des entführten Mädchens. Dann der Schock. Alles Hoffen war vergebens. Die schlimmste Form heutiger Passion. Auch Jesu Jünger begreifen nur langsam von der Auferstehung ihres Herrn, und es bedarf einiger Erscheinungen, die ihnen den Glauben an diese Auferstehung schenken. 

Doch kann dieser Glaube auch ein Trost für Ulrikes Eltern sein, die ein Leben lang den Verlust ihrer Tochter vor Augen haben werden? Ich wünsche Ulrikes Eltern eine Erscheinung, wie sie die Jünger am Ostermorgen hatten, eine Gewissheit, dass ihre Tochter lebt, wenn auch in einer uns unbegreiflichen Form. 

Ostern, das Fest der Auferstehung, das Fest, das Hoffnung gibt und Mut macht. Ein Fest, um seinem Nächsten (und Übernächsten) nah zu sein. Ein Fest für Gemeinschaft: ob am Osterfeuer, im Gottesdienst oder beim häuslichen Eiersuchen.

Ein frohes Osterfest wünscht

Sebastian Schütz

40 Jahre und kein bisschen leise

Zum Jubiläum der Heinersdorfer Kantorei und ihres Kantors Wolfgang Hensel

Nicht, dass der Chor kein Piano singen oder das Orchester nicht auch mal ganz leise spielen könnte. Aber die Heinersdorfer Kantorei lässt auch nach 40 Jahren von sich hören, und das - ob nun forte oder pianissimo - in vollem Klang und ohne einen Grund, kleinlaut zu sein. 

Am Sonntag, dem 1. April 2001 begeht die Heinersdorfer Kantorei mit einem Festgottesdienst in der Kirche und einer anschließenden Feierstunde ihr nunmehr 40jähriges Bestehen. 

Im April 1961 fing der damals 33jährige Wolfgang Hensel als Kantor in der Gemeinde Heinersdorf an und begann mit einer für Heinersdorf völlig neuen musikalischen Arbeit. Zwar gab es hier auch vor ihm schon einen Kantor. Dessen Wirken beschränkte sich aber neben dem sonntäglichen Orgelspiel auf einen kleinen Kirchenchor, der mit dem heutigen kaum vergleichbar ist.

Als Chordirektor des Staatlichen Volkskunstensembles nach Berlin gekommen, durchlief der einstige Kruzianer Wolfgang Hensel die verschiedensten künstlerischen Positionen in der damaligen Hauptstadt der DDR, die ihn in seinen Konzertreisen auch um die halbe Welt brachten. So wurde er nach seinem Schaffen im Volkskunstensemble zum stellvertretenden Leiter der Köpenicker Musikschule, später ging er zur Schallplatte und wirkte leitend im A-cappella-Chor Berlin mit, den er auch in seiner Heinersdorfer Zeit noch weiterführte. 

Mit dem Amtsantritt Hensels sollte in Heinersdorf zumindest musikalisch eine neue Zeitrechnung beginnen - weshalb sich die Jubiläen der Kantorei seither an diesem Datum orientieren. Seinen vielfältigen und kaum zu überschauenden Beziehungsnetzen ist es zu verdanken, dass Wolfgang Hensel in Heinersdorf beileibe nicht bei null anfangen musste und von Anfang an ein musizierfähiges Ensemble beisammen hatte. Neben einigen engagierten Gemeindegliedern brachte er Chorsängerinnen und -sänger, Instrumentalisten und Solisten aus seinen früheren Betätigungsfeldern mit nach Heinersdorf, die ihm und der Kantorei zum Teil bis heute die Treue halten. Damit wurde die Kantorei das, was ihre Identität bis heute bestimmt - eine musikalische Vereinigung, die Wirken und Mitwirkende nicht auf die Gemeinde beschränkt, sondern die einen Ort für Musiker aus der ganzen Stadt bietet und auch weit über Heinersdorf hinaus wirkt. 

So brachte er schon bald, nachdem ihn der damalige Pfarrer Eberhard Krätschell nach Heinersdorf holte, das erste größere Konzert zur Aufführung es war die Bach-Kantate Nr. 1 "Nun komm der Heiden Heiland", die im Advent 1961 in der Heinersdorfer Kirche erklang. Ebenfalls bereits 1961 folgte die erste "Musik in der Christnacht" am Abend des 24. Dezember - eine Veranstaltung, die es noch heute gibt. Neben diesem versah Wolfgang Hensel weitere Höhepunkte im Kirchenjahr mit einer Art musikalischen Liturgie, die er ihrem Wesen nach aus seinen Kreuzchor-Jahren mitbrachte. "Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" am Karfreitag und die "Musikalischen Exequien" am Ewigkeitssonntag (beides von Heinrich Schütz) gehören ebenso dazu wie die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste zu Ostern, Weihnachten, Pfingsten, Kantate und Erntedank und das sommerliche Serenadenkonzert. 

1966 folgte die erste Aufführung des Bach'schen Weihnachtsoratoriums in Heinersdorf, ein Werk, das die Kantorei die kommenden Jahrzehnte begleiten und prägen sollte wie kaum ein anderes und fortan fast jedes Jahr auf dem adventlichen Konzertprogramm stand. 

In den Siebziger Jahren wurden in Heinersdorf mehr als 30 Rundfunkaufnahmen für die Evangelische Morgenfeier gemacht, die im Rundfunk der DDR übertragen wurden und die Heinersdorfer Kantorei zumindest in Berlin weithin bekannt machte. 

Prägend war und ist die Zusammenarbeit mit anderen Chören, die sich vor allem auf persönliche Kontakte des Kantors zu Kollegen aus der ganzen Stadt und auch aus dem Umland Berlins stützte. So kam es zu gemeinsamen Aufführungen mit der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde, der Kantorei Friedrichsfelde, der Lichtenberger Erlöser-Kantorei, der Kantorei Alt-Pankow und vielen anderen. Es fanden Aufführungen im Berliner Dom, in Karlshorst, Königs Wusterhausen und in Rheinsberg statt. 

Später wurden aus Platzmangel alle großen Aufführungen in andere Kirchen verlegt - in die Gethsemanekirche, die Samariterkirche, die Pfarr- und Glaubenskirche und besonders häufig in die Sophienkirche, wo im November 1996 mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart das letzte Konzert stattfand. Seither genießt die Kantorei ein großzügiges Gastrecht in der Moabiter Heilige-Geist-Kirche, wo zuletzt vor wenigen Tagen Bachs Johannespassion zur Aufführung gebracht wurde. 

Die wohl wichtigste Partnerschaft vor allem in der Zeit bis zum Mauerfall war die mit der Kantorei der Heinersdorfer Partnergemeinde Bad Oeynhausen. Sie wurde über intensive persönliche Kontakte jahrelang getragen und bescherte neben unzähligen Erlebnissen und Ermutigungen auch für die Erweiterung des Repertoires wichtige Noten, die in der DDR praktisch nicht zu bekommen waren. 

Zur Kantorei gehört neben Chor und Orchester dem Collegium musicum auch der Kinderchor, der seit 1961 viele junge Menschen für die Musik begeistern konnte und der außer "bei den Großen" mitzusingen, auch oft selbst in Erscheinung trat. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl das jährliche Kurrende-Singen an Heiligabend. 

Zu den Höhepunkten des Chorlebens gehören die regelmäßigen Wochenendfahrten, die mehrmals jährlich stattfinden und wo neben intensiven Proben seit jeher die Gemeinschaft zwischen den unterschiedlichen Generationen - angefangen vom Kinderchor - gelebt wird und persönliche Kontakte gepflegt werden können, die während der wöchentlichen Chorproben zu kurz kommen. 

1995 und 1996 reiste der Chor nach Rom und gab dort unter anderem im Petersdom Konzerte. Ein Jahr später folgte eine Konzertreise nach Prag, und für das nächste Jahr ist eine Fahrt nach Sizilien geplant. 

In den 40 Jahren ihres Bestehens erarbeitete sich die Heinersdorfer Kantorei viele große und kleine kirchenmusikalische, aber auch weltliche Werke von Bach, Mozart, Brahms, Haydn, Händel, Schütz, Dvorák, Fauré, Mendelssohn-Bartholdy und vielen anderen. Chor und Collegium musicum brachten in hunderten von Gottesdiensten und Konzerten eine Vielzahl von Kantaten, Messen, Motetten, Streichkonzerten, Requien, Oratorien und vielem mehr zu Gehör. 

Trotz allem ist die Heinersdorfer Kantorei immer ein Laien-Ensemble geblieben, was nicht zuletzt an den überaus bescheidenen finanziellen Mitteln deutlich wird. Der Eintritt für die Konzerte war aber immer kostenlos und wird es auch in Zukunft bleiben. Befragt nach dem, was seine Arbeit in den letzten 40 Jahren besonders bestimmt hat, antwortet Wolfgang Hensel denn auch vor allem eines: Improvisation. Eine Fähigkeit, die neben den musikalischen wohl die besondere Qualität des Kantors ausmacht. 

Sein Anliegen, erzählt er, ist es, Musik zur Ehre Gottes und zur Freunde der Menschen zu machen - derer, die zuhören und derer, die musizieren. Und damit steht er in guter Tradition mit dem wichtigsten Kirchenmusiker aller Zeiten, dessen Werke wohl auch in der Heinersdorfer Kantorei die größte Rolle spielen: Johann Sebastian Bach. 

Wenn die Heinersdorfer Kantorei am 1. April ihr 40jähriges Bestehen feiert, dann tut sie das auch mit einem Blick nach vorn. Die Konzerte für das kommende Jahr sind schon fest geplant, die Vorhaben der nächsten Zeit abgesteckt. Ans Aufhören denkt der inzwischen 73jährige Kantor noch lange nicht, statt dessen entdeckt er gerade wieder einmal seine Vorliebe für den Kinderchor. 

Mitwirkende in Chor, Kinderchor und Orchester werden übrigens jederzeit gesucht. Wer Lust hat, mit zu musizieren, ist herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizuschauen. Da kann man dann unter anderem feststellen, dass leise zu singen, gar nicht so einfach ist ...  

Uwe Müller