Februar / März 2001

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde!

Wer von uns hat es nicht irgendwann einmal selbst gespielt oder hatte zumindest das Glück, Kinder - seien es nun die eigenen oder nicht - dabei beobachten zu können: Verstecken - das Kinderspiel, das es wohl schon so lange gibt, wie es Kinder gibt, und das auch im Zeitalter von Fernsehen und Computerspielen eine erstaunliche Faszination auszuüben vermag.

Jörg Zink erzählt dazu die folgende Geschichte:

Rabbi David von Miedziborz, ein Enkel des Rabbi Baruch, liebte es, als er noch ein Knabe war, Verstecken zu spielen. Eines Tages spielte er wieder mit einem Knaben. Er verbarg sich, wartete lange in seinem Versteck, denn er meinte, sein Freund suche ihn und könne ihn nicht finden, und sein Herz freute sich gar sehr.

Lange wartete er, aber vergebens - sein Gefährte suchte ihn nicht. Er kam aus dem Versteck heraus, fand den Knaben nicht mehr und wurde gewahr, dass er ihn gar nicht gesucht hatte. Er lief in die Stube seines Großvaters, weinte und klagte: "Ich habe mich versteckt und der böse Henoch hat mich nicht gesucht!"

Da entströmten den Augen des Rabbi Baruch Tränen, und er sagte: "Schau, so klagt Gott auch! Er hat sein Antlitz von uns abgewendet und sich vor uns verborgen, dass wir ihn suchen und ihn finden. Wir aber suchen ihn nicht!"

Gesucht haben die Menschen auch vor 2000 Jahren schon. Auf der Suche nach dem richtigen Weg und jenem zu Gott waren die Christen von Kolossä, nachdem der Gemeindegründer Epaphras abgereist war. Genügte es, dass Jesus Christus gestorben und auferstanden war und dass sie sich ihm anvertraut haben? War das nicht nur der Anfang? Wie sollte man daraus ein bewusst gestaltetes Leben machen?

Nachdem ihnen christliche Wandermissionare die scheinbar erlösende Antwort auf diese brennenden Fragen gebracht hatten, begannen die Gemeindeglieder in Kolossä ihr Leben nach deren Erkenntnissen auszurichten. Sie begannen, sich ein aus Erfahrungen und Gedanken verschiedener Religionen zusammengesetztes Lehrgebäude und Denksystem zu eigen zu machen und ihren Alltag nach den daraus resultierenden Vorschriften und Regeln einzurichten. Zur erhofften Ruhe kamen sie dadurch allerdings nicht, im Gegenteil: Die Fragen nach den neuesten Erkenntnissen und danach, ob man denn nun wirklich alles richtig macht und bei allem, was es zu beachten gilt, nicht vielleicht doch etwas übersehen hat, tauchten immer wieder auf. In diese Unsicherheit hinein erklärt Paulus, Jesus Christus reicht völlig aus. Wenn ihr zu ihm haltet und euch von ihm halten lasst, werdet ihr ein erfülltes Leben haben. In seinem Brief schreibt er:

In Christus liegen verborgen alle Schätze
der Weisheit und der Erkenntnis.

(Kolosser 2,3, Jahreslosung 2001)

Mit seiner Wortwahl hat der Briefschreiber damals wohl ziemlich genau die Befindlichkeiten der Adressaten getroffen: Weisheit und Erkenntnis war das, wonach man auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg strebte. Dieses Auf-der-Suche-sein wird den Kolossern auch gar nicht zum Vorwurf gemacht: Paulus gibt ihnen nur einen Hinweis, wo es sich besser suchen lässt - eine Art Schatzkarte sozusagen.

Wenn auch die Begriffe selbst in unserer Alltagssprache kaum noch Verwendung finden, sind sie vielleicht aktueller denn je. Das sogenannte Informations- und Technologiezeitalter zeichnet sich durch eine fieberhafte Suche nach Wissen und Erkenntnissen ja geradezu aus.

Dass dabei nicht alle Fragen und Phänomene geklärt werden können und viele Probleme dadurch erst entstehen, sehen und lesen wir jeden Tag. Atomenergie, Biotechnologie, BSE und Uranmunition sind nur einige Schlagworte, die für Probleme stehen, die aus einst neuartigen und erfolgversprechenden Erkenntnissen der Menschheit resultieren.

Paulus geht es nicht darum, die Wissenschaft und die den Menschen innewohnende Suche nach neuen Erkenntnissen zu verfluchen. Er warnt nur davor, darin das Allheilmittel für ein gelingendes Leben zu sehen.

Weder den Kolossern damals noch uns heute soll(te) es verwehrt werden, auch anderswo Weisheit und Erkenntnis zu suchen. Sie wie auch wir werden damit aber von dem Zwang befreit, aus diesen Quellen etwas schöpfen zu müssen, was für ein erfülltes Leben nötig, bei Jesus aber nicht zu finden wäre. Viel Freude beim Suchen und Finden wünscht Ihnen in diesem Sinne

Uwe Müller

Morgens früh um sechs ...

Stecke ich morgens um sechs den Schlüssel in die Eingangstür des Kindergartens, öffne ich weit mehr als nur eine Tür: Der Rhythmus eines bunten Tages kann beginnen. So ein Morgen besitzt sein eigenes Gesicht, das sich von Zeit zu Zeit verändert, ein Gesicht mit vielen Nuancen. An den Geräuschen im Flur ist oft erkennbar, wer gerade gekommen ist. Dazu gehört als erstes der Rums, mit dem Frau Bohlmann den Kindersitz auf den Schrank befördert.

Wie gut, wenn Väter und Mütter nicht sofort los rennen müssen, sondern etwas Zeit bleibt für ein geruhsames Ausziehen, für ein Abschiedsritual, für einen Moment auf dem Schoß, für ein paar Worte hin und her, für die Bestätigung, dass man abgeholt wird und von wem, dass auch die Lieblingswurst auf dem Brot liegt und die Gummibärchen für alle Freunde reichen. Im letzteren Fall hat man sehr viele Freunde.

Es ist jedes Mal gleich und doch irgendwie ganz anders, wie jedes Kind den Schritt über die Kindergartenschwelle tut, wie viele Möglichkeiten es gibt, guten Morgen zu sagen. Viele Kinder bringen etwas mit. Da kommt Lisa, die Puppe von Elisabeth mit, ein Körbchen mit allerlei Schätzen, die blaue Kuscheldecke von Nils, die Pokemon-Karten von Marvin, Floris und Stevens Autoparade. Ich kann mir dann Spezialkenntnisse erwerben: "Deward, ist das nun ein Pokemon oder ein Digimon"?

Der Weg von Zuhause in den Kindergarten ist wie ein gestricktes Muster, der Fadenverlauf bleibt oft gleich und geht dann in das Kindergartenmuster über. Ich merke immer wieder, wie wichtig es ist, Grenzen einzuhalten, die die Kinder setzen, sie wahrzunehmen und zu respektieren.

Henriette und Friederike, die Zwillinge (2 Jahre) erzählen oft gleich munter los, welches Muster das Hemd zeigt oder die Blümchen der Strumpfhose. Zuhören wird erwartet und gefordert, aber die Prozedur des Ausziehens gehört eindeutig in die Kompetenz von Mutter oder Vater. Da sitze ich oft daneben, rühre keinen Finger und Papa hat zu tun, die Winterpelze im Doppelpack abzulegen.

Nathalie wäre nicht Nathalie, wenn sie nicht in den ersten Minuten "rumgnitschen" würde. Die Aufforderung von Mutti zum Guten-Morgen-Sagen ist eine Zumutung und der Seufzer "ach Schnatte ..." gehört auch dazu. Lonny kuschelt sich auf dem Arm der Mutter noch einmal so richtig ein und meine Frage "Soll ich mitkommen" leitet den Schritt in die Kindergartenwelt ein. Ja, wohin soll ich denn mitkommen oder auch nicht? Es gibt ein ganz bestimmtes Fenster, immer ein wenig beschmiert und unentbehrlich: Das sogenannte Winkfenster. Die Spuren darauf haben zu tun mit Tränen, Küssen, Fingerabdrücken auch von außen, mit Gesten und dicht an der Scheibe gerufenen Worten. Passiert es doch einmal, dass Mutter oder Vater einfach vorbei flitzen, bedeutet das eine große Störung des Abschiedsrituals. Viele Kinder, besonders die größeren, mögen das "Rausschubsen" der Eltern, und wer saust nun schnelle ans Fenster? Eine gewisse körperliche Fitness ist da schon Bedingung.

Ich merke, wie ich mich auch in diesen Ritualen aufgehoben fühle und sich der Morgen füllt. Mit jedem Kind, das dazukommt, verändert sich die Atmosphäre im Raum, verändern sich meine Zuständigkeiten. Für Adrian gehören die Fische im Aquarium zum "Anfangsprogramm". Auf meinem Schoß entwickelt sich dann ein oft gleichbleibendes Spiel. Wie gut, wenn für einzelne Kinder genug Zeit bleibt und kein Anruf dazwischenkommt.

Oft bleibt auch für längere Zeit das Spielmaterial das gleiche. Friederike und Henriette holen sich seit mehreren Wochen immer denselben Hut und dieselbe Tasche. Deward wählt ein Kartenspiel und sortiert für sich allein. Er entwickelt seine eigene Strategie, denn eigentlich sind die Karten nur für die Schulkinder gedacht. Was würde verlorengehen, wenn ich die Karten mit der Begründung wegnähme, das wäre nur etwas für Schulkinder.

In den Kindern wie auch in mir tickt eine innere Uhr. Kurz bevor Flori kommt, fragt meistens Jan nach ihm. Die Kinder, die kurz vor dem Morgenkreis erscheinen, räumen erst gar nicht viel aus.

Ja, in den zwei Morgenstunden bis zum Morgenkreis um 815 Uhr steckt viel Leben. Viele Seiten könnte ich noch füllen. Während ich schreibe, sehe und höre ich die einzelnen Kinder. Ganze "Frühgeschichten" fallen mir wieder ein. Ich höre, wie Josefine ins Zimmer springt: "Ich bin auch wieder da!", wie Elisabeth und Anne sich "in die Haare" kriegen, Wie Annika in die Bauecke rennt, Deward versteckt sich hinter den Beinen des Vaters, und und und ... da fällt krachend die Mauer um.

Manchmal sind die Frühstunden wie ein leises Plätschern der Wellen, manchmal toben schon Orkane, oft gibt es beides. Und gegen 8 Uhr der Standardsatz: "Macht eine Abschiedsrunde, der Morgenkreis beginnt."

Hildegard Dietrich

Dekade zur Überwindung von Gewalt

Schaltet man den Fernseher oder das Radio ein oder schlägt eine beliebige Tageszeitung auf, braucht man nach Meldungen über Kriege, Konflikte, Ausschreitungen und Übergriffe nicht lange zu fahnden. Will man sich dem Thema Gewalt nähern, braucht man leider auch nicht bis in den Nahen Osten, nach Nordirland oder nach Äthiopien zu schweifen: Gewalt gibt's auch vor unserer Haustür, und - ein Tabu dieser Zeit - vielerorts auch dahinter.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) ruft seine Mitglieder auf, sich mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen und ruft mit der "Dekade zur Überwindung von Gewalt" ein großes Projekt der Weltchristenheit ins Leben. Die Dekade beginnt in diesem Jahr und geht bis 2010, sie wird aus Anlass der Tagung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates in Potsdam am 4.†Februar in Berlin offiziell ausgerufen und damit ihren Anfang nehmen.

Nach dem zentralen Eröffnungsgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, der auch live in der ARD übertragen wird, und weiteren parallel laufenden Eröffnungsgottesdiensten, unter anderem im Heinrich-Grüber-Zentrum in Hohenschönhausen, findet ab 12 Uhr die Eröffnungsfeier im Haus der Kulturen der Welt statt. Dort wird zu Tanztheater, einem Fest, der Präsentation u.a. mit Josť Ramos-Horta, dem Vorsitzenden des ÖRK und Rita Süßmuth, sowie einer abschließenden Kerzenprozession zum Brandenburger Tor, eingeladen.

Ganz bestimmt wird auch uns dieses brennende Thema in den nächsten zehn Jahren viel beschäftigen - Anlass dazu gibt's genug.

Kirchentag in Frankfurt, 13. bis 17. Juni 2001

Ein Wort, das Freiheit verheißt und zugleich Hoffnung auf neue Orientierung am Beginn des dritten Jahrtausends ausdrückt, ist die Losung des diesjährigen Kirchentags: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Sie stammt aus dem 31. Psalm. Weiten Raum will der Kirchentag in Frankfurt am Main vom 13. bis 17. Juni bieten: Zum Fragen und Feiern, zum Reden und Hören, zum Beten und Singen.

In drei Themenbereichen kommt zur Sprache, was die Menschen bewegt: "In Vielfalt glauben", "In Würde leben", "In Freiheit bestehen". Das Angebot der mehr als 3.000 Einzelveranstaltungen ist vielfältig, bunt und lebendig. Bibelarbeiten an jedem Morgen, Vorträge, Arbeitsgruppen, Foren, Liturgische Tage, Gottesdienste, Werkstätten, Theater, laute und leise Musik, ein Markt der Möglichkeiten, an dem mehrere hundert Gruppen aus Kirche und Gesellschaft ihre Arbeit vorstellen.

Der Kirchenkreis Weißensee wird mit einer eigenen Gruppe nach Frankfurt fahren. Wer Interesse hat mitzukommen, meldet sich am besten bei Superintendent Telschow (Tel. 9 26 58 83), Pfarrer Quos (Tel. 98 63 78 26) oder einem Mitglied des Gemeindekirchenrates.